News 27/09/12

+++ …And You Will Know Us By The Trail Of Dead veröffentlichen am 19. Oktober, nicht einmal zwei Jahre nach Tao Of Dead, ein neues Album namens Lost Songs. Ein schickes, für Trail Of Dead-Verhältnisse aber geradezu bescheidenes Cover gibt es auch schon:

Einen musikalischen Vorgeschmack in Form von Catatonic gibt es via Spotify-Player:

+++ Bon Iver – sind nicht mehr. So die Nachricht, die zumindest ein bisschen stimmt, denn Justin Vernon hat angekündigt, seine in den Himmel gelobte Band vorerst auf Eis zu legen. Grund hierfür sei die Tatsache, dass ihn Bon Iver zu sehr vereinnahmen. Fortsetzung ist natürlich nicht ausgeschlossen. Ein ausführliches Interview zu diesem und anderen Themen, gibt es hier.

+++ Die Emo-/Modern Hardcore-Schweremüter Balance And Composure haben ein Video zu ihrem starken Song Quake von ihrer letzten Platte Separation abgedreht und präsentieren es via Youtube. Gucken!

+++ Captain Planet haben ihre neue Platte Treibeis am 12. Oktober draußen. Nest gibt es zum Vorabhören über diesen VISIONS-Player.

+++ Und weil Vorabhören so in Mode, eigentlich aber auch toll ist, lassen es sich auch die Rabauken von Converge nicht nehmen, in ihr auch im Oktober erscheinendes Album All We Love We Leave Behind hineinzuhorchen. Richtig Dresche gibt es von Shame in the Way über Pitchfork.

Muse – The 2nd Law

Vogelwild

Muse. Ein Bandname, den man eigentlich seit jeher, mit Sicherheit aber spätestens seit dem letzten Album The Resistance also Synonym für ‚kontrovers‘ anführen könnte. Das Übertriebene, das Überdrehte und Bombastische, es spaltet die Lager in der Einsortierung dieser Band. Im Laufe der Jahre bewegten sich die Herren Bellamy&Co. dabei immer näher am Abgrund. Und zuletzt taten sie das zu allem Überfluss noch sehr unsicher: „Bei allem Respekt vor dem bisherigen Gesamtwerk der Band: The Resistance ist schlecht. Richtig schlecht.“, lautete die Diagnose zum letzten Album dieser überkandidelten Rockspinner. Die Konsequenz waren vernichtende 3/10. Jetzt also steht eine neue Platte, namentlich The 2nd Law, an. Erwartungen: Keine. Der Eindruck nach zig Hördurchgängen: Die haben doch nicht mehr alle Latten am Zaun.

Gehen wir die Sache dieses mal also ein wenig anders an und stellen das Meckern voran. The 2nd Law hat alles, wofür Muse von vielen gerade in jüngerer Vergangenheit so kritisiert wurden. Es ist ordnungsgemäß mit größenwahnsinnigem Bombast überladen, es zitiert sich ein mal kreuz und quer durch die Musikgeschichte, es fröhnt dem radiokompatiblem Pop, es trieft vor schwulstigem Pathos. Und gibt so Wasser auf die Mühlen derjenigen, die Muse schon längst abgeschrieben haben. Save Me, dass als einzigen Überraschungsmoment vorweisen kann, nicht von Matthew Bellamy gesungen zu sein und Explorers sind so  klassische Kandidaten. Nicht wirklich schlecht ziehen diese Songs vorbei, tun niemandem weh. Das ist dann zwar ganz nett, brauchen tut das aber streng genommen kein Mensch. Ein Problem, an dem die ganze Platte ein wenig zu knabbern hat. Zwar schaffen Muse es zum ersten mal seit Origin Of Symmetry, sich ohne schlimmere Aus- und Unfälle durch die komplette Spielzeit zu manövrieren, sie produzieren dabei allerdings auch stellenweise arg Gefälliges.

Und doch: The 2nd Law schafft es beinahe, den unsäglichen Vorgänger (ja, man kann es nicht oft genug erwähnen) vergessen zu machen. Allein schon, wenn der Opener Supremacy die lieb gewonnene, souveräne Übertreibung zurück bringt und nach drei Minuten Gitarre und Trompete in den Engtanz schickt, ist man gewillt, sich doch noch ein weiteres mal auf diese Band einzulassen. Und wird belohnt: Muse machen mit Supremacy endlich wieder das, was man lange vermisst hat – sie lassen den Song von der Leine. Bellamy knödelt sich die Stimmbänder aus dem Leib, Gitarre und Schlagzeug stolpern durcheinander, Glückseligkeit breitet sich vor den heimischen Lautsprechern aus. Es geht doch. Und wie! Schließlich folgt auf dem Fuß M-m-m-m-m-m-m-mad-ness (ja, das musste jetzt unbedingt sein) und damit ein Song, der extremer nicht sein könnte. Einerseits könnte Madness mit seinem unverhohlenem Pop-Appeal problemlos im Sat1-Frühstücksfernsehen laufen, andererseits behält sich der Song – allerspätestens wenn das Solo vorbeischaut – eine fast sarkastische Pose vor, verspottet sich so fast selbst. Und wird dadurch zum beinahe perfekten Popsong. Chapeau! Doch Muse geben sich damit nicht zufrieden. Im Gegenteil, sie finden über ausgedehnte Ausflüge in neue Gefilde zurück zu lange vergessener Stärke. Da tanzt plötzlich Panic Station vorbei und atmet eine Portion Funk, die die Red Hot Chili Peppers vor Neid erblassen lassen dürfte. Ganz nebenbei geht der Song als wohl erstes Stück von Muse das unverblümt gute Laune versprüht in die Geschichte ein. Goodbye Schwermut also. Kann man machen. Inzwischen längst befreit von der lästigen Pflicht, irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen, gehen Muse dann mit Follow Me sogar zum Angriff auf die Großraumdisko über. Das ist zwar so weit von dem entfernt, was bislang mit dem Namen Muse in Verbindung gebracht werden konnte, geht aber trotzdem irgendwie gut. Spätestens jetzt ist es keine Überraschung mehr: Muse sind auf The 2nd Law immer dann am besten, wenn sie einfach mal drauf los probieren. Wenn sie sich erfolgreich Facetten abringen, die man bislang nicht kannte. So sind es dann im Folgenden auch gerade nicht die gewöhnlichen Stücke wie Survive oder Liquid State, die dieses Album auszeichnen. Sie bleiben bestenfalls nett, während die Höhepunkte von anderen Songs markiert werden. Neben den bereits erwähnten Songs nämlich vor allem vom Abschlussdoppel aus Unsustainable und Isolated System. Ersteres kombiniert eine gewisse latente Hektik mit wohl dosiertem Pathos und wüsten Dubstep-Attacken. Liest sich vogelwild, klingt aber ziemlich berauschend. Zweiteres benimmt sich wie eine Reprise zu Unsustainable und gewinnt gerade dadurch, dass es sich im Hintergrund hält, nicht aufdringlich wird und so in einer gewissen Eleganz die Vorhänge zu macht.

Dann ist The 2nd Law vorbei. Und lässt eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Was soll man nun anstellen mit dieser Platte, wie soll man sie einsortieren? Dieses Album, es hat seinen Titel in gewisser Weise nicht verdient. Dafür ist es zu zerfahren, erfolgen die Stilwechsel zu häufig und vor allem zu unvermittelt. The 2nd Law als Experiment zu betiteln, geht ebenso an der Sache vorbei. Dafür ist es über weite Strecken schlicht zu nett (böse Zungen würden hier von Belanglosigkeit sprechen). Irgendwie wirkt diese Platte wie eine Spielwiese, auf der sich Muse ein klein wenig ausgetobt haben und einfach alles auf Band gebracht haben, was ihnen gerade so durch den Kopf gestolpert kam. Das bleibt dann zwar weit hinter ihren Referenzalben zurück, reicht aber aus, um die Band vom Abstellgleis zurückzuholen, sie wieder interessant zu machen. Und das ist wohl mehr, als man erwarten konnte.

6/10

Anspieltipps: Madness, Panic Station, Unsustainable

(Martin Smeets)

News 25/09/12

+++ Zweierlei dürfte gewiss sein: Muses neue Platte The 2nd Law wird 1) ein Kassenschlager und 2) äußerst kontrovers diskutiert werden. Ob beides gerechtfertigt oder ungerechtfertigt der Fall sein wird, lässt sich bereits in voller Gänze studieren. Die VISIONS hat hierzu vorab bis Ende der Woche einen Stream bereitgestellt.

+++ Wo wir gerade beim Streamen sind: Erst kürzlich hat Why? einen Appetizer in Form der EP Sod in the Seed für das anstehende Album veröffentlicht. Mumps, Etc. gibt es hierzulande ab 5. Oktober zu kaufen, das komplette Album gibt es allerdings bereits jetzt komplett im Stream.

+++ Billie Joe Armstrong ist zweifelsohne ein Rockstar. Denn Frontman einer der größten Punkrock-Bands dieses Planeten ist eben nicht jeder. Und so trug es sich zu, dass er während des Auftritts von Green Day auf dem iHeart Radio Festival in Las Vegas ein bisschen persönlich nahm, als seiner Band auf einer LED-Tafel nur noch 1 Minute Spielzeit angezeigt wurde. Er brach daraufhin vorzeitig – mitten in Basket Case – das Set ab und ließ es sich nicht nehmen den Veranstalter_innen (irgendwie aber auch den Zuschauer_innen) einige nette Worte mit auf den Weg zu geben. Suchtmittelmissbrauch soll laut einem Statement der Band übrigens ein Grund für diesen „Ausraster“ gewesen zu sein, weshalb sich Armstrong nun auf Entzug befinde. Hier zu sehen, ab Minute 7.40:

Und weil es sich manchmal auch lohnt das gesprochene Wort zu lesen, haben wir uns belustigt die Mühe gemacht, sein Statement zu verschriftlichen:

„Fuck this shit. I´m gonna play a fucking new song. Fuck this shit. Give me a fucking break. One minute left. One minute fucking left. You gonna give me one fucking minute? There´s a… look at that fucking sign right there. One minute. Let me fucking tell you something. Let me tell you something. I´ve been around since fucking nineteen eighty fucking eight. And you´re gonna give me one fucking minute? You´re fucking kidding me. You´re fucking kidding me. What the fuck! I´m not fucking Justin Bieber you motherfuckers! You got to be fucking joking. This is a fucking joke. I got one minute, one minute left, oh no I got nothing left. Now I got nothing left. Let me show what one fucking minute fucking means…[zerlegt feinsäuberlich seine Gitarre]. One minute – God fucking loves you all. We´ll be back.“

Billie Joe Armstrong ist einfach ein fucking Rockstar.

Irish Handcuffs

Punkrock ist tot. Ja, da wir neben der Feierabendtätigkeit als mehr oder minder fleißige Schreiberlinge auch leidenschaftliche Parolendrescher sind, steigen wir mal so in diesen Beitrag ein. Punkrock ist also tot. Die schlichte Gefälligkeit der viel zitierten drei Akkorde scheint der Übermacht aus unzähligen Post-und Core-Spielarten im Dunstkreis von Punk und Hard- nun ja -core nicht so fürchterlich viel entgegenzusetzen zu haben. Die Bands, die es geschafft haben, sich an die Oberfläche zu schwimmen, haben sich längst vom ursprünglichen Metier abgewandt – man denke nur an Green Day -, oder präsentieren sich als Wiederholungstäter im Zeichen der eigenen Trademarks. Und weil es davon so viele gibt, seien einfach mal Lagwagon, die Bouncing Souls und Bad Religion als möglichst plakative Beispiele in den Raum geworfen.

So weit, so gut. Andererseits: Die ganze Chose kann man auch ganz flapsig mit einem „zero fucks were given“ bei Seite wischen und das Geschwafel über den toten Punkrock gepflegt Geschwafel sein lassen. So oder so ähnlich müssen das auch die Drei gesehen haben, die unter dem Namen Irish Handcuffs ihr Unwesen treiben. Die Irish Handcuffs aus Regensburg, das sind die Florian Kötterl und Florian Hollnberger an Gitarre und Bass, sowie Dennis Forster an den Drums. Die spielen nicht nur nebenbei noch bei Bands wie Red Tape Parade oder The Holy Kings, sondern Überlassen das progressive Treiben auch gleich viel lieber anderen. Und hauchen, getreu dem Motto 3 chords. since 2011, der alten Dame Punkrock in wohltuend oldschooliger Manier eine gewaltige Portion neues Leben ein. „Geklaut wird bei JAWBREAKER, frühen GREEN DAY und ähnlichen Verdächtigen“ sagen sie über sich selbst, und in der Tat, das Ganze klingt dann auch nach Zeiten, in denen Green Day noch bunthaarig zu 409 In Your Coffeemaker über die Bühne sprangen und durch die Luft spuckten. Ordentlich, aber nicht aufdringlich produziert, auf das Nötigste reduziert, ohne stupide zu wirken. Und vor allem verdammt eingespielt, unverschämt eingängig und garniert mit Spielfreude bis in die letzten Winkel der Songs. Das zumindest ist der Eindruck, den die vier Tracks starke EP stubbs. hinterlässt, die – vorausgesetzt man kann sich ein klein wenig für Punkrock begeistern – durchwegs Lust auf mehr macht. Und weil das Auge auch mithört, gibt es stubbs. als farbiges Vinyl, wahlweise in orange, weiß oder grün, im bandeigenen Shop. Oder ganz digital via bandcamp. Oder zum Hören einfach gleich hier:

Mumford&Sons – Babel

Das letzte bisschen Folk

Der Abend ist längst um. Die letzten versprengten Gäste schlendern gemächlich, das letzte Bier in der Hand, vom Konzertgelände, die Bühne ist nicht erst seit kurzem verwaist und die Beleuchtung auf ein Minimum herunter gedimmt. Dann schnappt sich plötzlich Marcus Mumford die vom andauernden Touren abgewetzte Akustische, erklimmt die Bühne, schrammelt ein paar Akkorde herunter. Es folgt der Rest der Band, ein Schlagzeug treibt den Beat in die Nacht und Winston Marshall lässt das schnellste Banjo der Welt erschallen. So stehen sie, Mumford&Sons, auf der überlebensgroßen Bühne. Und spielen ihre Songs in die Nacht, in ein weites, verlassenes Halbrund schmettern sie das letzte bisschen Folk für diesen Abend.

So zumindest klingt es, wenn ein Album dieser Band – in diesem Fall Babel – seinen Anfang findet, Fahrt aufnimmt. Und scheinbar niemals irgendwo ankommen will. Es sind die Eindrücke von Einsamkeit, vom immer unterwegs sein, vom nicht ankommen, die immer da sind, die selbst dann noch präsent sind in diesen Songs, wenn selbige sich aufmachen, gen Nachthimmel zu jubilieren. Es sind auch diese Eindrücke, die verantwortlich sind, für die teils unheimliche Anziehungskraft dieser Stücke. Dieser Band. Die mit ihrer Art Songs, mit Sigh No More, stolze zwei Millionen mitnehmen konnten, auf ihre nicht enden wollende Reise ins Ungewisse, die bislang ein mal kreuz und quer durch den Mainstream führte. Ändern wird sich das mit dem Übergang zu Babel nicht. Weder die gewaltigen Bilder, die von der Band evoziert werden, noch der Erfolg. Schon gar nicht Letzterer. Schließlich haben Mumford&Sons nicht im Traum daran gedacht, an ihrer bewährten Rezeptur herumzupfuschen. Warum auch, wenn weit und breit kein triftiger Grund in Sichtweite ist. Nein, Babel übernimmt fließend, fasst unbemerkt das Zepter von Sigh No More und geht den Weg der Band unbeirrt weiter. Der Opener und Titeltrack macht sich so zwar ganz wunderbar als direkte Fortsetzung des Vorgängers, setzt aber leider bei den etwas schwächeren Momenten an. Das macht aber nichts, so lange das folgende Whispers In The Dark mit einer derart gewaltigen Portion an Verve, an Leichtigkeit mit Melodien herumspielt, vor denen es kein Entkommen gibt. Im uneingeschränkt positiven Sinne, versteht sich. Und ohne es zu merken steht man schon wieder mit beiden Beinen drin im Album, hat den Blues und lässt sich dennoch voller Hoffnung von den Songs mitreißen, über das bereits bekannte I Will Wait direkt auf die Holland Road. Auf der zelebrieren Mumford&Sons dann auch all das, wofür man sie vor drei Jahren so sehr ins Herz geschlossen hat. Eine schüchterne Gitarre zündet eine Kerze an, die von den hinzustoßenden Instrumenten immer weiter angefacht wird. Und wenn dann die Melancholietrompete sich aufmacht, den Song auf ein unerreichbar scheinendes Podest zu heben, dann möchte man die Arme in die Luft werfen und ekstatisch Jubeln. Ein Endorphinschwall von Musik. Der sehnsuchtsvolle Blick ins Weite, selten wird er so gekonnt mit unstillbarer Euphorie zusammen geführt, wie hier. Zumal Ghosts That We Knew klar macht, dass Mumford&Sons auch gut darin sind, über die volle Songlänge in trübseliger Stimmung zu verweilen.

Und doch, trotz aller Virtuosität, mit der sich die Band durch ihre neuen Stücke spielt, lässt es sich nicht von der Hand weisen: Man hat das alles eine Platte früher schon mal gehört. Der Überraschungseffekt, der Sigh No More vielleicht zu einem der besten Alben 2009 machte, er ist weg. Da besteht dann durchaus die Gefahr, dass man Babel eine ganze Ecke schneller abfrühstückt als den Vorgänger, zumal der Band wie schon auf Sigh No More auf den letzten Metern der Platte ein wenig die Puste ausgeht. Bis dorthin gibt es aber noch einiges zu bestaunen. Das schwungvolle Lover In The Light zum Beispiel, oder das wundervoll zurückgenommene Reminder, in dem sich die Band zu Gunsten einer stimmungsvollen Akustikballade ganz klein macht.

So kann man Babel bedenkenlos durchwinken, als ein Album weit über dem Durchschnitt. Ein drittes Mal werden Mumford&Sons aber nicht mit der selben Nummer durchkommen. Es bleibt eben eine Reise mit unbekanntem Ausgang. Wir hoffen mal das Beste.

7/10

Anspieltipps: Whispers In The Dark, Holland Road, Lover In The Light, Reminder

(Martin Smeets)

Nations Afire – The Ghost We Will Become

 Wichtig ist, was hinten rauskommt.

Stolperte man in den vergangenen Wochen über den neuesten Stern am Orange County Szene Firmament wurde man förmlich mit Superlativen erschlagen. Das trieb solche Blüten, dass das Erstlingswerk von Nations Afire, noch vor dem Release, als Album des Jahres gefeiert wurde. Noch größer als die ersten Lobeshymnen waren allerdings die Namen mit denen man fröhlich hausieren ging. So erfuhr der geneigte Hörer noch vor dem ersten Gitarrenriff, dass man es mit einer absoluten Allstar-Band, gar einer Hardcore Supergroup (welch schlimme Wortschöpfung) zu tun habe. Da wären zum einen Brett Rasmussen und Nik Hill, beide Ex-Mitglieder der Hardcore Band Ignite, Chris Chasse, Ex-Rise Against und als letzter im Bunde, Todd Henning, der früher ein Teil von Death By Stereo war. Nun ist das Debut, The Ghost We Will Become, seit etwas mehr als drei Wochen auf dem Markt und was vom ganzen Glanz und Gloria der PR Abteilung über geblieben ist, erfahrt ihr hier.

Gleich der Opener I am an Army zeigt deutlich auf, was das Ziel der jungen Band aus Kalifornien ist, deren Egos anscheinend jetzt schon viel zu groß für kleinere Clubs sind. Denn was einem hier aus den Boxen entgegen kommt ist Stadionrock aller ersten Güte und zwar so perfekt und glatt gemischt, dass das Ding einfach ins Radio muss. Singalongs, fette Hooklines und große Gesten inklusive. Auch die Titel One Perfect Day und Pick up the Pieces verfallen in dieses Schema, bei dem man sich im besten Fall an die Foo Fighters oder wenn alle Stricke reißen, wie bei der Akustik Ballade Even The Blackest Heart Still Beats an Nickelback erinnert wird. Und hier befinden wir uns in Gefilden, denen sich absolut keine Band nähern sollte. Stadionrock hin oder her! Dass die Band rund um Frontman Rasmussen auch anders kann, beweisen sie mit dem Titeltrack The Ghost We Will Become und dem Song Occams Razor. Zwar wird das Rad auch hier nicht neu erfunden, aber dafür das Tempo deutlich angezogen und man bekommt einen Eindruck in welche Richtung sich die Platte hätte auch entwickeln können. Hier geht es eine Spur härter und rauer zu und hin und wieder landet Chris Chasse mit seiner Gitarrenarbeit einen gekonnten Querverweis zu den besseren Tagen von Rise Against. Mit den Songs The Legacy We Leave und The Concussionist dümpelt das Album, zwar melodisch wie eh und je, aber zeitgleich gähnend unspektakulär auf das Ende der Platte zu. Mit dem letzten Song  gelingt es der Band noch ein finales Highlight auf das Album zu platzieren, obwohl man auch bei Wolves stellenweise das Gefühl hat, von Chad Kroeger persönlich verfolgt zu werden.

Auf die Bretter, die die Welt bedeuten wollen sie irgendwann alle. Im Idealfall, wird sich der Weg dorthin mit Blut, Schweiß, Tränen und oftmals, einem glattgebügelten Sound verdient. Bei Nations Afire wird man den Eindruck nicht los, dass sie mit Hilfe ihres Backgrounds die ersten Schritte überspringen wollen und direkt mit einem fett produzierten Debutalbum die großen Bühnen entern möchten. Groß waren zu Beginn auch die Hoffnungen, die man in diese Band gesetzt hatte. Doch leider wurden diese durch die Bank enttäuscht, denn Nations Afire verkommen zum reinen Abziehbildchen etablierter Hardcore und Rock Bands wie beispielsweise Rise Against und den Foo Fighters. Der Band gelingt es nur in wenigen Momenten eigene Akzente zu setzen und sich vom Gros der Masse abzuheben. Versteht mich nicht falsch. Das Album ist perfekt produziert, melodisch bis in die Spitzen, wartet mit einer markanten Leadstimme auf und man merkt, dass hier richtige Profis am Werk waren. Aber genau diese glatte Produktion, trägt dazu bei, dass sich die Band nicht aus ihrem engen Korsett lösen kann oder will. Und so bleibt am Ende eine eingängige, aber ziemlich uninspirierende Platte über, die es nicht schafft den Hörer mit einem neuen beziehungsweise eigenen Sound zu überraschen.

5/10

Anspieltipp: I am an Army, The Ghost we will Become, Occams Razor, Wolves

( Dominik Iwan )

Instrument/Fire Walk With Me! | 21.09.12 | W1 Regensburg

Das siebte Ei

Ihr kennt das sicher noch: Man steht im Supermarkt des jeweiligen Vertrauens und nestelt mit großen Augen und noch viel größerer Neugierde am Ü-Ei-Aufsteller herum, wählt mit Bedacht einige besonders lohnenswert erscheinende Überraschungseier aus, schüttelt, lauscht und hofft an der Kasse dann das Beste. Schließlich gilt es, das vermaledeite siebte Ei, und damit die sehnlich erwartete Figur, die sich darin verstecken soll, zu finden. Und warum steht diese Rückblende nun am Anfang eines Konzertberichts? Nun, meist wurde man vom Inhalt der handverlesenen Ü-Eier schwer enttäuscht, manchmal jedoch ist die Überraschung geglückt. So auch gestern, als sich zwei ganz und gar außerordentliche Bands im W1 die Ehre gaben und ein echtes Überraschungspaket schnürten. 

Da wäre zum einen die schlichte Tatsache, dass sich Instrument nach zwei Jahren der Abwesenheit mal wieder nach Regensburg verirrt hatten und so eines der – so schwer das auch von den Fingern geht – enorm rar gesäten, wirklich spannenden Konzerte in diesem popkulturellen Wasteland (das sich Weltkulturerbe schimpfen darf) versprachen. Und als ob das nicht genug wäre, durften Fire Walk With Me! – das sind die netten Herren da oben im Bild – als Supportact die Suche nach einer richtig guten Band aus dieser Stadt beenden. Und wie. So standen wir da, im gut gefüllten W1 und staunten nicht schlecht, als die Vier auf die Bühne schlurften und für sechzig Minuten sogar den sonst konstant hohen Nebengeräuschpegel im W1 zum verstummen brachten. Unter nahezu völligem Verzicht auf Ansagen wurde da geschätzt sieben ausgewachsenen Postrock-Wuchtbrummen samt wohltuenden Hardcore-Einsprengseln Raum geboten, die sich die nötige Zeit nahmen, um sich an ihrer eigenen Melodieverliebtheit zu berauschen, um sich genüsslich aufzutürmen, um ineinander zu greifen und um sich schließlich selber komplett zu zerlegen. Fließende Übergänge, die aus den einzelnen Stücken einen furiosen Longtrack formten inklusive. Begeisterung erlaubt, andächtiges Staunen Pflicht. Gäbe es nicht diesen Konzertbericht, stünde ein neuer Eintrag für unsere Fundgrube an. Neugierige, die sich nicht von einem doch sehr rohen Klangbild abschrecken lassen, dürfen an dieser Stelle auch gleich reinhören:

Eigentlich hätte man unter diesen Konzertabend bereits jetzt zufrieden einen Haken setzen können. Eigentlich. Schließlich stand immer noch das Set von Instrument an. Also immerhin von der Band, die mit Olympus Mons eine neues Album dabei haben, das es bereits zur Platte der Woche in der VISIONS gebracht hat. Und das völlig zu Recht. Die neuen Stücke, die Instrument in Kombination mit ein paar Songs des Debuts präsentieren, wissen dann auch vollauf zu Überzeugen. Zupackender sind sie geworden, die Songs, zielstrebiger. In ihren grandiosen Momenten ließen Instrument – da lehnen wir uns doch gerne aus dem Fenster – ein fast Mogwaiesques Feeling im W1 aufkommen. Und das ohne das ihre Songs die kleinste Spur an eigener Identität verloren, pfeift die Band doch gerne mal auf altbekannte Schemata. In ihren zutraulichen Stücken wähnte man die Vier samt wohligen Gesangspassagen gar in vorsichtiger Umarmung mit dem Pop, ehe dann aber doch die Distortion-Regler wieder aufgerissen wurden und man ordentlich eins vor den Latz bekam. Kurz und bündig: So muss das. Das Einzige, womit Instrument zu kämpfen hatten, war die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Publikums, das zu den letzten Songs den Raum etwas leerer und die Gespräche dafür lauter werden ließ. Was allerdings auch am Spaß liegen könnte, den dieses fabelhafte Konzert unterm Strich bereitet hat. Ein gutes Stück dazu beigetragen hat auch das W1, in Form von köstlichem Sound und durchdachtem Lichterspiel. Sei es nach Hause, sei es irgendwo hin in die Nacht: Es dürften alle zufrieden gegangen sein. „Doing nothing is art.“ In diesem Sinne:

(Martin Smeets)

Taking Back Sunday – Tell All Your Friends

 

So Last Summer

Wir schreiben das Jahr 2002. Der Frühsommer ist langsam im Anrollen, verabschiedet die letzten ungemütlich-kalten Tage. Diese Tage verbrachten vier junge Kerls im Studio. Angewidert und frustriert bis unter die Decke, von der Welt, von der Liebe, von Allem, ausgestattet mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und Mikrophon. So oder so ähnlich muss es gewesen, als Taking Back Sunday einen unüberschaubares Potpourri von allerlei Gefühlslagen- und Wallungen kanalisierten und als kathartischen Klotz auf Band packten. Und so einer ganzen Horde zwischen 15 und 20 Lenzen die ultimative Platte für einen Sommer lieferten: Tell All Your Friends. Die Platte, die einfach überall zu passen schien. Ob beim nachmittäglichen Biertrinken am Baggersee, ob im verschwitzten Club, ob an der Bordsteinkante, nachts um halb drei oder in der Morgendämmerung im angetauten Gras liegend, dem Emomädchen an seiner Seite durch die Haare streichend. Tell Of Your Friends hatte die Songs für jeden Moment.

Zurück im Jahr 2012: Der Sommer hat sein letztes Aufflackern hinter sich, die Tage werden wieder ungemütlich. Und kalt. Zeit für nachmittägliches Biertrinken am Baggersee ist lange nicht mehr, in verschwitzten Clubs laufen längst angesagtere (und austauschbarere) Bands, Bordsteinkanten werden auf ewig verschmäht und Taking Back Sunday sind schon vor Jahren zu ihrer eigenen, seelenlosen Hülle verkommen, die alle Versprechen konterkarikiert, die sie einst mit Tell All Your Friends abgegeben haben. Die Umstände haben sich grundlegend verändert, doch die Klasse von Tell All Your Friends ist geblieben. Genau genommen dauert es auch zehn Jahre später exakt neun Sekunden und You Know How I Do bringt den alten Zauber in unveränderter Intensität zurück. Dann nämlich, nach neun Sekunden, in denen sich Feedback und Gitarre kunstvoll aneinander schmiegen, grätschen sich selbst überholende Drums rein, während Adam Lazzara und John Nolan die Lyrics durcheinanderpoltern lassen. „We won’t stand for hazy eyes anymore.“ Man glaubt es ihnen immer noch. Natürlich waren die Trademarks dessen, was sich heute ‚Emo‘ schimpft, auch damals schon wohl bekannt, war Tell All Your Friends nichts bahnbrechend Neues. Natürlich bringt man ob der Lyrics heute nicht recht viel mehr als ein müdes Lächeln zu Stande. Die Art und Weise allerdings, mit der es Taking Back Sunday zumindest auf dieser Platte verstanden, altbekannte Elemente zu etwas so noch nicht Gehörtem zusammen zu führen, bleibt einmalig. Die feinen Melodien, die eingesprungenen musikalischen Blutgrätschen, das Leiden in den Stimmen – es passt einfach zusammen. Man höre nur das überbordende Finale von Bike Scene, das straight durchgeprügelte, unzerstörbare Cute Without The ‚E(Cut From The Team) oder das in filmmusischer Dramaturgie schmachtende Intro von The Blue Channel. Und lasse sich unweigerlich von diesen Songs mitreißen. Songs, von denen es auf Tell All Your Friends nur so wimmelt. Vor denen es kein Entrinnen gibt. Würde es Sinn machen, man würde sie hier alle aufzählen.

Gerade jetzt, wo das diffuse Genre ‚Emo‘ bestenfalls noch als zombiehaftes Etwas vor sich hin siecht, sind Songs wie You’re So Last Summer, ist eine Platte wie Tell All Your Friends unverzichtbar. Die unvermittelte, trotzige Catchyness dieser Song putzt alles weg, steht als Leuchtturm zwischen all der auf Gleichklang gebürsteten Plakativität und Austauschbarkeit der aktuellen Genrevertreter. Und wenn all diejenigen, die zwar einen Salto auf der Bühne hinlegen können, ohne an ihren Instrumenten abzuspacken, denen man aber die affektierten Gesten keine Sekunde abkauft, längst wieder verschwunden sind, ist Tell All Your Friends immer noch da. Und vor allem – man gestatte die juvenile Wortwahl – immer noch richtig super. Danke dafür.

9/10

Anspieltipps: You Know How I Do, Bike Scene, Timberwolves At New Jersey, You’re So Last Summer

(Martin Smeets)

News 21/09/12

+++ Heute startet die Europatour von Xerxes und The Tidal Sleep. Zur Feier des Tages haben letztere ihre im Oktober erscheinende EP komplett zum Streamen bereitgestellt. Man nehme sich in Acht!

+++ Nachdem Tegan & Sara die Sommerwochen im Studio und Proberaum zugebracht haben, gibt es nun endlich neues Material. Zwar wird das kommende Album erst im Januar erscheinen, den Song Closer gibt es daraus bereits jetzt zu hören und gibt einen guten Eindruck davon, wie sich der Sound der Zwillinge mittlerweile anfühlt. Auf alle Fälle: elektronischer, tanzbarer, bombastisch produziert und… ziemlich gut. Beim amerikanischen Rolling Stone kann es jede_r selbst testen.

+++ Der unnachahmliche Klampfenzauberer John Frusciante hat erst vor einigen Wochen eine EP namens Letur-Lefr veröffentlicht und schickt sogleich eine LP hinterher. Und weil er zur Zeit offenbar auf einprägsame Titel steht, heißt diese PBX Funicular Intaglio Zone. Die Platte erscheint heute in Deutschland, kann aber auch über Frusciantes Homepage in verschiedenen schicken Varianten bezogen werden (dann muss man sich aber bis zum 25.09. gedulden) und wird vermutlich recht elektronisch ausfallen. Fast alles, was auf PBX… zu hören und sehen ist, stammt übrigens von Frusciante selbst. Das Cover zumindest hat der kleine John schon einmal schön gezeichnet:


+++ Seit vergangenen Dienstag treibt sich NAGEL auf einer kleinen Tour herum und wird dabei unter anderem das Reeperbahnfestival beehren. Nagel… Wer? Etwa der Muff-Potter-Nagel?… Ja, genau der; und zwar mit seiner selbstbetitelten neuen Band. Eine Platte gibt es bisher noch nicht, zumindest aber so etwas wie einen Song (bzw. Trailer):

Klingt nicht schlecht, oder? Dann hoffen wir mal, dass die wenigen Termine eine Art Anheizer für zu veröffentlichendes Material und eine etwas ausführlichere Tour sind.
Der Vollständigkeit halber die (noch anstehenden) Daten:
18.09. Köln, Werkstatt
19.09. Wiesbaden, Schlachthof
20.09. Münster, Gleis 22
21.09. Hamburg, Reeperbahnfestival
22.09. Berlin, Berlin Independent Night

News 20/09/12

+++ Koi No Yokan wird das im November erscheinende Album der Deftones heißen. Den vielversprechenden Song Leathers gibt es bereits jetzt zum Anhören und hier sogar zum kostenlosen Download.

+++ Erst kürzlich haben wir über die Goodtime Boys und ihre neue Doppel-EP berichtet. Nun gibt es bei Blow The Scene einen ersten exklusiven Höreindruck von Breathe und zwar genau hier.

+++ Nun ist es offiziell! Die Dead Swans lösen sich zu Beginn des nächsten Jahres auf. Damit teilen sie das Schicksal vieler Hardcore Bands, denn Beständigkeit ist in diesen Gefilden leider viel zu selten anzutreffen. Überraschend ist es allemal, veröffentlichten die Briten doch erst vor kurzem ihr zweites Album bei Bridge Nine Records. Nach eigener Aussage, sind die Mitglieder im Moment mit anderen Sachen zu sehr beschäftigt. Ob die kürzliche Heirat von Stewart Payne der Auslöser für die Entscheidung war, bleibt allerdings reine Spekulation. Hier die offizielle Mitteilung der Band.