The Tidal Sleep – s/t

Nachdem sich The Tidal Sleep innerhalb der letzten Monate einen gewissen Bekanntheitsgrad erspielt haben und sich mittlerweile mit Bands wie Touché Amoré oder Defeater die Bühne teilen, ist spätestens seit dem Release ihres Debutalbums klar, das diese Jungs aus dem Süden Deutschlands wirklich einiges von ihrem Handwerk verstehen und der Hypetrain in den vergangenen Wochen nicht völlig grundlos durch die Republik gerollt ist. Dabei sind die ewigen Anleihen an die Wave Bewegung zwar gerechtfertigt, verkennen dabei allerdings die Verankerung der Band im Screamo und Posthardcore der Neunziger. Aber genug von unnötigen Vergleichen, The Tidal Sleep stehen für sich selbst und ihrer Definition von Modern(Post)Hardcore.

Mit dem Beginn des Openers Serpent Hug bricht ein leidenschaftliches Gewitter oder um in den besungenen, nautischen Gefilden zu bleiben, eine riesige Welle über den Hörer zusammen, die einem für die nächsten 30 Minuten in einem tosenden Meer aus traurigen Delay Melodien, hymnischen Gitarren, Effekten, knorrigen Bässen, treibendem Schlagzeug und einer sehr wandlungsfähigen Klagestimme zurück lässt. Gerade die Gitarre setzt wunderbare Akzente und bildet einen detailverliebten Klangteppich, der sich vom bekannten Modern Hardcore abgrenzt und einen starken Postrock Einschlag aufweist. Dabei beherrschen The Tidal Sleep das Wechselspiel aus Melancholie und Euphorie in Perfektion, ohne dabei ins Kitschige abzudriften, sowohl musikalisch wie auch textlich. Da treten die Instrumente zurück und erklingen nur noch reduziert, die Vocals gelangen in den Vordergrund um im nächsten Moment von einer Welle in Form des Bass und dem einsetzendem, treibenden Schlagzeug umspült zu werden. Die einzelnen Komponenten schaukeln sich gegenseitig hoch um im richtigen Moment zu explodieren und eine ruhige See zu hinterlassen. Dabei ist die Stille nur die Ruhe vor dem erneuten Sturm, der in der Welt von The Tidal Sleep unausweichlich aufziehen wird. Egal ob die langsamen Momente wie in Ghost Poetry oder das treibende und dramatische Gitarren- und Schlagzeugspiel in Inkbreath. The Tidal Sleep brillieren in jeder Lage. Dies sind nur einige Impressionen der Platte, die nach jedem Hörgang mehr und mehr von sich frei gibt und sich ins Ohr des Hörer brennt. Dabei stehen die restlichen Songs, wie Untilted oder Derelict, den hier erwähnten in nichts nach und sorgen für ein intensives Hörerlebnis.

Das Genre wird zwar nicht zur Gänze neu erfunden, aber so detailverliebt und voller Hingabe zelebriert, das die Platte wieder und wieder durchlaufen muss. Hype hin oder her, was The Tidal Sleep mit diesem Album abliefern ist grandios!  9/10

(Dominik Iwan)

City Light Thief – Music of Chance

City Light Thief aus Grevenbroich sind spätestens seit ihrem 2011er Debut und ihrer Tour mit Thursday keine Unbekannten mehr. Hatte ihr Erstling Laviin schon für Lobeshymnen gesorgt, werden diese bei dem Nachfolger mit dem Titel Music of Chance garantiert nicht verstimmen. Zudem hier ganz kreativ und selbstbewusst der Roman The Music of Chance von Paul Auster vertont wurde. Die Band begleitet den Protagonisten Jim Nashe, einen Feuerwehrmann, der seinen Job verliert, fortan ziellos die Staaten bereist und sich in vielen kuriosen Situationen bewähren muss, um sich schließlich allein mit 10000 Steinen auf einer Wiese wiederzufinden, aus denen er eine Mauer errichten soll. Soviel zu der textlichen Vorlage. Kennen muss man diese natürlich nicht, denn allein durch den dynamischen Sound, wird der Hörer auf eine aufregende Reise mitgenommen. Im Gegensatz zum Vorgänger, nehmen sich City Light Thief bewusst Zeit für ihre Songs und lassen ihnen den Raum um sich zu entfalten.

Rein musikalisch bewegen sich City Light Thief auf höchstem Niveau und zeigen auf insgesamt vier Tracks, mit einer Gesamtspielzeit von circa 20 Minuten, das komplette Spektrum ihrer Fähigkeiten. Verspürt man mit Beginn des Albums einen starken Drang sich zu der mitreißenden Musik zu bewegen, verdichtet sich mit der zweiten Hälfte des Albums die Atmosphäre und die ruhigen, nachdenklichen Momente breiten sich aus. Die Songs pendeln zwischen den Extremen (schnell, langsam, laut, leise) ohne dabei einfach nur zu puren Chlichés zu verkommen. Es werden gezielt Kontrapunkte gesetzt, die den Songs Tiefgang und Komplexität verleihen. Der Clean Gesang weiß durch die Bank zu gefallen, auch der, im Vergleich zum Debut, verstärkte Einsatz von Shouts verstärkt die Dynamik der einzelnen Songs und auch mehrstimmiger Gesang wird hier und da, wohldosiert geboten. Die unverzerrten Gitarren liefern knackige Riffs und wunderschöne Melodien. Die Atmosphäre wird auch von der tollen, intimen Aufnahmeumgebung beeinflusst. So wurde das Album nicht in einem sterilen Studio, sondern im Haus eines Bekannten aufgenommen.

City Light Thief finden ihre eigene Nische im großen Raum diverser Post-Hardcore Bands. Sie liefern mit Music of Chance ein energiegeladenes und mitreißendes Album ab, das vor allem durch seine Pop Anleihen nie den positiven Grundtenor verliert, den man in letzter Zeit doch so selten in diesem Genre hört. Music of Chance ist mitreißend, dabei strukturiert und nicht so verkopft wie bei anderen Genre-Vertretern, ohne dabei flach oder einfallslos zu klingen. Post-Hardcore trifft Pop! Dieses Experiment ist erfolgreich geglückt.  8/10

(Dominik Iwan)

Japandroids – Celebration Rock

Vorwärts nimmer

Wie gemein: Während sich im Jahre 2009 unzählige Bands in ihren versifften Proberäumen und Studios abstrampelten, um eine beachtliche Platte voll beachtlicher Songs auf den Weg zu bringen, kamen zwei kauzige Typen daher, schickten ihre Instrumente und Stimmen durch ein undurchdringliches Gewirr an Verzerrung und sonstigen abstrusen Effekten, sangen über nasse Haare und französische Mädchen. Und wurden dafür allerorts gefeiert. Post-Nothing hieß das Stück Musik, das schonungslose Bekenntnis zum Hedonismus, das entgegen seines Titels so ziemlich Post-Everything war und das aus den Japandroids eine der meistgehypten Bands der letzten Jahre machte.

Doch das war 2009. Jetzt, schlappe drei Jahre und eine grandiose EP später, legen die Japandroids mit Celebration Rock den Nachfolger vor. Was man wohl erwarten darf? Der Titel unkt schon hämisch: Na was wohl. Schon wieder hat eine Platte der Japandroids acht Songs über eine schlanke Spielzeit von 35 Minuten. Schon wieder grüßen Brian King und David Prowse umgeben von der exakt gleichen Ästhetik wie 2009 vom Cover. Schon wieder poltern beide nach einer kurzen Phase der Zurückhaltung ungeniert drauf los. Kurzum: Außer dem Sound, der im Vergleich zum zu leisen und gleichzeitig zu übersteuerten Vorgänger deutlich verbessert daherkommt, haben die King und Prowse an ihrem bislang bewährten Rezept nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts verändert. Noch nicht einmal die Texte. Für diejenigen, die es vorab nicht glauben wollten, macht der Opener The Nights Of Wine And Roses (man achte auch hier wieder auf den möglichst plakativen Titel) allerspätestens mit den ersten Zeilen alles klar: „Long lit up tonight and still drinking / Don’t we have anything to live for? / Well of course we do / But ‚til they come true / We’re drinking.“ Saufen, Rauchen, Tourleben, Rock’n’Roll und so. Man hat bisweilen das Gefühl, dass sich hier die Innovationsfreude von Bon Scott und die Abgefucktheit von Henry Chinaski die Klinke in die Hand geben. Zwischen Fire’s Highway  und The House That Heaven Built machen die zwei, wie auch schon 2009, Krach für fünf, fliegen Schlagzeugsalven durch die Gegend, brechen Handgelenke im Highspeed-Gitarrengeschrammel. Daneben werden Ohh-Ohhs gen Horizont geschmettert und schließlich auch mal ein paar hemdsärmelige Powerchords ausgepackt. Und mal wieder wird im letzten Song das Tempo rausgenommen, um die HörerInnen nicht gar so überfahren aus der Platte zu verabschieden. AC/DC könnten sich im Vergleich zu den Japandroids glatt das Attribut „Prog“ ans Revers heften. Manche würden das hier langweilig nennen wollen.

Das Problem aber ist, das sie damit durchkommen. Celebration Rock ist, und wir müssen noch ein letztes mal zurück nach 2009, eine Platte, der man sich nicht entziehen kann, obwohl sie eigentlich nichts Neues zu bieten hat. Das fängt an beim erwähnten The Nights Of Wine And Roses, geht über das grandios durchgekloppte Evil’s Sway und das bereits bekannte wie unkaputtbare Younger Us nahtlos über zu The House That Heaven Built und Continuous Thunder, nebenbei die beiden besten Songs der Band. Das der einzig schwache Song der Platte , For The Love Of Ivy ein The Gun Club-Cover ist: Bezeichnend. Auszeichnend. Celebration Rock ist nicht innovativ, es ist vielmehr stumpf und plakativ. Aber dennoch vor allem – man verzeihe die Wortwahl – saugut. Die Japandroids machen den Stillstand zum Fortschritt und beweisen, was vielleicht der Grund dafür ist, dass sie so begeistert durchgewunken werden, eine große Portion Chuzpe. Wie gemein. 8/10.

(Martin Smeets) 

Sigur Rós – Valtari

Euphoriserend? – Aber hallo!

„„Valtari“ hat so gar nichts Euphorisierendes mehr und taugt in einem Stadion nur als Soundtrack zu den Tränen nach einem Abstieg. Der bricht wiederum manchmal wie eine Dampfwalze über einen Klub herein.“ – So steht es im Valtari-Review des deutschen Rolling Stone geschrieben und zeugt von – naja, wie soll man sagen – großer Ahnungslosigkeit.

Nichts Euphorisierendes? – Nein, zum Glück schreibt Frank Lähnemann da nur Mist. Um es also vorwegzunehmen: Valtari ist absolut großartig, phantastisch, bezaubernd… ja, euphorisierend. Aber der Reihe nach.

Klar, einem Sigur Rós-Album begegnen stets großer Erwartungen. Wie sollte es bei einer Band, die zweifellos seit Jahren in ihrer eigenen Liga spielt und in die niemand auch nur ansatzweise aufsteigen kann, anders sein. Ein Album, das sich auch nur eine Nuance unter dem Prädikat „allererste Sahne“ einordnen würde, wäre eine Enttäuschung. Und um es an dieser Stelle zu sagen: alle Alben – außer vielleicht der sehr ungewöhnliche und schwer verdauliche Erstling Von – verdienen mit Nachdruck dieses Prädikat. Valtari ebenso.

Und nun ist es ja nicht so, dass Sigur Rós musikalisch in besonderer Weise konstant wären und immer wieder die gleichen hervorragenden Platten rausbringen würden. Im Gegenteil. Es ist geradezu erstaunlich, dass die ihr Niveau trotz vielen Änderungen und Wandlungen in Stil, Tempo, Rhythmik, Dynamik und nicht zuletzt Stimmung, halten können. Klar, für ungeübte und – mit Verlaub – ahnungslose Ohren klingt alles nach immer gleichen Walgesängen. Doch das ist natürlich Unfug.

Will man Valtari nun klanglich in die Diskographie-Skala der Band einsortieren, so sieht sich diese Platte stark in der Nähe von Ageatis Byrjun, Takk…, der ersten Hälfte von () und der zweiten Hälfte von með suð i eyrum við spilum endalaust, ein bisschen weiter weg von Von, der zweiten Hälfte von () und der ersten Hälfte von með suð i eyrum við spilum endalaust. Tja, wenn das kompliziert klingt, dann ist es das auch. Denn eigentlich ist Valtari eine sehr schöne Synthese des kompletten bandeigenen Schaffens, ohne den gewiss starken Einschlag der Solopfade von Sänger und Gitarrist Jónsi zu leugnen. Manche Nummern, wie beispielsweise Varðeldur oder Fjögur Píanó könnten glatt als ruhige Nummern auf Jónsis Go und sowieso als Stücke von Jónsi&Alex durchgehen.

Ja, diejenigen, die die Band nach með suð i eyrum við spilum endalaust auf einem poppigeren und songorientierteren Weg gesehen haben, dürfte sich anschicken diesen Weg wieder (nicht zu eilig) zurückzulaufen. Denn die Songs sind auf Valtari wieder deutlich zerfahrener als auf dem Vorgänger, die bombastischen Gefühlsexplosionen weichen behutsamen Klangcollagen und Tonspielchen und überhaupt: die Stimmung kippt von freudentaumelndem Kopfkino ein Stück weit in Richtung sehnsuchtsvoller Kopfmalarei. Kopfmalerei? – Ja, erfüllten einst bewegte Bilder die Phantasie durch das Gehörte, so schafft es Valtari diese Bilder unbewegter zu machen, sie sanft zu zergliedern und auf ihre Konturen und Formen zurückzuführen.

Acht Klangskizzen sind es, die uns die vier Isländer in fast einer Stunde Spielzeit darbieten. Kein wirklicher Anfang und kein Ende, lediglich ein Hauch von Songstrukturen, teils äußerst zurückhaltende Instrumentierung, mit Sorgfalt gewählte Steigerungsmomente in Tempo und Dynamik, traumhaft tragende Bassteppiche und sowieso: ganz viel Schönheit.

Wie Ég Anda sich langsam heranschleicht und nach einem dumpf-dissonanten Intermezzo das Heft an das über alles strahlende Ekki Múkk übergibt, das mit seinen flackernden Violinen zweifellos an Takk… erinnert – und wer weiß, vielleicht sogar jenes überstrahlt. Wundervoll. Rembihnútur, das sich schlussendlich zu einer vergleichsweise gesangintensiven Nummer entwickelt (was auf der Platte übrigens eine ziemliche Seltenheit ist), ist mit dem nachfolgenden Dauðalogn vielleicht so etwas wie der Prototyp des sigur-rósschen Songs. Beide sind so zart-leise und zerbrechlich, zugleich aber fulminant-dominant, dass man gar nicht weiß, ob sie davonschweben oder doch alles plattwalzen.

Nun, auch die anderen Songs haben unbeschreibliche Qualitäten und es wäre vielleicht zu müßig sie alle auch nur ansatzweise beschreiben zu wollen. Obwohl, bei Varðeldur sollte man sich dann schon vergewissern, ob man statt auf der heimischen Couch nicht doch auf einem Mooskissen im Garten Eden Platz genommen hat. Aber genug. Letztlich wollten wir ja nur festgestellt haben, lieber Rolling Stone: Valtari ist ganz und gar euphorisierend! Und eben nicht nur das…
9/10

(Martin Oswald)

EM Konzert 2: Ukraine – Schweden

Bäm, weiter geht das. Ukraine gegen Schweden. Gastgeber gegen, naja, Schweden halt. Erste Verwirrung bei der Vorstellung der Aufstellung: Beide Teams werden in gelben Trikots gezeigt. Crap, wie soll ich denn jetzt die Teams unterscheiden? Oder ziehen sich die Ukrainer kurz vor dem Spiel ganz symbolisch orangene Leibchen an? Und was würde „Mr. Fußball ist unpolitisch“ Platini dazu sagen? Fragen über Fragen.

So, Schweden also in schwarz mit gelbem Diagonalstreifen auf der Brust. Ein Hinweis auf die Taktik? Diagonalbälle till death? Diagonale Laufwege zur völligen Verwirrung des Gegners? Wer weiß. Sicher ist: Zlatan Ibrahimovic sieht mit seinem glänzenden Pferdeschwanz aus wie ein halbseidener Gebrauchtwagenhändler. Ist aber Schwedens Topspieler. Sachen gibts. Auch gut: Bei Schweden kickt ein gewisser Mikael Lustig. Ich weiß, ihr ahnt es bereits:

Warum ich das alles erzähle? Weil das Spiel mal wieder eher dürftig ist. So far: Fossil Nr.1 Schewtschenko verzieht am Fünfer, Fossil Nr.2 haut aus 25 Metern sehenswert drauf, Nicht-Fossil Jarmulenko versucht durch 4 Schweden hindurchzubolzen. Und scheitert. Außerdem: Ibrahimovic hat das Gebrauchtwagengeschäft aufgegeben und macht lieber in Fußball. Und köpft. An den Pfosten. Gomez kann das besser. Klingt jetzt spannend, ist aber in vollen 45 Minuten recht dürftig. Fazit zu Halbzeit numero uno:

So Halbzeit zwei. Die Hoffnung besteht darin, dass beide Teams an die letzten Minuten der ersten Hälfte – in denen all das oben geschriebene geschehen ist – anknüpfen. Zwischendrin beweist Oliver Kahn, wie wenig originell meine Ausführungen dort oben sind: „Gomez hätte den gemacht.“ Ich fühle mich enttarnt, ja gedemütigt. Kurzum, ich fühle mich wie James Tiberius Kirk:

Und dann, just als ich mich hochbeamen lassen möchte: TOOOOOOOR! Zlatan Ibrahimovic bringt den Deal unter Dach und Fach. Querpass im Sechzehner, Ibrahimovic wichst das Ding rein. Keine Schnörkel, keine Gnade, keine Gefangenen. Wären Tore Lieder, dieses würde in etwa so klingen:

Und schon wieder: TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! Das ukrainische Mannschaftsmaskottchen, der Mann, der gefühlt schon immer Fußball spielt, Andrij Schewtschenko köpft nach einer traumhaften Flanke von diesem anderen -enko, nämlich Jarmulenko mit der Routine eines ewig-Spielers ein. 1:1! Wäre Hemingway noch am Leben, er würde auf der Stelle damit beginnen, „Der alte Mann und das Tor“ zu schreiben.

Ich habe zwar eigentlich 2:0 für Schweden getippt, aber egal, das Spiel wird jetzt richtig unterhaltsam. Ein Spiel wie ein Punkkonzert, im Pogotempo geht es dahin. Sogar für Flanken aus dem Halbfeld ist man sich inzwischen nicht mehr zu schade. Quergeschiebe? Nicht mit diesen Typen auf dem Platz.

Ebenfalls unglaublich: Der andere Andrij. Der Woronin. Schon wieder so ein Spieler, von dem ich gar nicht wusste, dass er überhaupt noch Fußball spielt, solange wie der Typ schon aktiv ist. Er dribbelt, er schießt, er tänzelt, er holt die Ecke raus. Und dann: TOR! Andrij Schewtschenko. Der alte Mann und das Tor vol.2! 2:1 für die Ukraine. Der Typ, der sich selber eigentlich nur die Aufgabe zugeschrieben hatte, die Stimmung im Team hochzuhalten, macht hier die Buden als gäbe es nichts Leichteres. Wer das gedacht hätte? Ja was weiß denn ich?! Das ist, als ob die Rolling Stones plötzlich den Rock’n’Roll noch einmal neu erfinden würden. Oder als ob AC/DC ein progressive-Rock-Album aufnehmen würden. Aber hey:

Wechsel bei Schweden: Ein -sson , Larsson, geht, ein ander -sson, Wilhelmsson, kommt. Mittelfeld für Mittelfeld. Soll mir recht sein. Das Spiel beruhigt sich indes wieder ein wenig, die Ukraine versucht, das Ding runterzuverwalten. Und Wolf-Dieter Poschmann kommentiert eine verunglückte Flanke von Lustig mit „Das ist dann nicht so lustig“. Poschi, du bist schon ein Schlawiner. Oder Schlingel, wie Bela Rethy sagen würde. Wie man es dreht: Schlimm.

Ein Glück, dass die Spieler das nicht hören müssen. Elm versucht sich am Kunsttor (und scheitert), irgendein -enko (und dieses mal habe ich die Übersicht wirklich verloren) wuchtet den Ball übers Tor. Wenn sie übrigens Poschi hören müssten, würden sie wohl folgendes denken:

Das Spiel wird indessen zunehmend zur Bolzerei. Zeit also, für eine kleine Bestandsaufnahme: Während überall vom modernen Fuppes, von Taktik und Heatmaps und Hassenichgesehn gefaselt wird, tragen sich Leute in den Torschützenlisten ein, die geradezu aus der Zeit gefallen wirken. Antonio Di Natale zum Beispiel. Von dem gab es schon 1994 (!!!!einself) einen Aufkleber fürs Panini WM-Heftchen. Oder Mario Gomez, ein Mittelstürmer von gefühlt vorgestern. Oder eben: Schewtschenko. Der ist da auch schon seit 17 Jahren dabei. Und ich warte immer noch darauf, dass sich Carsten Jancker gegen Holland selber einwechselt und das Ding mit dem Hintern reindrückt.

Aber zum Wesentlichen: Ein Strich von Ibrahimovic! Piatov, der ukrainische Torwart, der irgendwie immer einen unbeholfenen bis lustigen Eindruck macht mit seiner Wuschelfrisur und seinem zwei Nummern zu großen Trikot, baggert den Ball irgendwo hin, hauptsache weg vom Tor. Wäre das hier Volleyball, irgendwo hätte sich ein Abnehmer zum Schmettern gefunden. Piatov ist Slapstik. Ungefähr so:

Es ist soweit – Schewtschenko geht, die Mannschaft wird auf einen Schlag durchschnittlich fünf Jahre jünger. Poschmann verrät derweil, dass die Ukraine das Unentschieden halten will. Beim Stand von 2:1 für die Ukraine wohlverstanden. Hier Poschi, für dich:

Freistoß für die Ukraine. Drüber. Buh!

Jetzt geht Voronin, Fossil Nr.2. Das neu entdeckte Motto der Ukraine:

Den Schweden geht indessen die Zeit aus. Wie wollen die hier noch ein Unentschieden fabrizieren. Nun eigentlich ganz einfach: Macht doch mal ein bisschen Druck. Das wissen selbst tendenziell faule Mucker. Guckstdu:

Ich lege mich fest: Hier geht nichts mehr. Das gibt mal wieder null Punkte für mich. Und die Schweden. Dafür deren drei für die Ukraine. Und just in diesem Moment: Jahrhundertchance für Schweden! Wunderschön herausgespielt von Ibrahimovic, aber Elmander legt das Runde übers Tor. Aber mal ehrlich: Ein Unentschieden hätte diese zweite Halbzeit auch nicht verdient.

Jetz in Großaufnahme: Ibrahimovic hadert. Mit sich. Mit dem Spiel. Mit seiner Mannschaft. Mit der Welt. Mit dem Gebrauchtwagenhandel. Hilft nix, Zlatan. Müsst ihr eben England weghauen. In dem Spiel hab ich auch England getippt, was quasi eine Sieggarantie für Schweden ist. Und meine Fresse: In der Zwischenzeit hauen die Schweden schon wieder knapp drüber!

So, vier Minuten über der Zeit. Meine Nerven schreien: Pfeif ab, Mensch! Und das tut er. Aus! Aus! Die Ukraine ist nicht Weltmeister, nicht Europameister, aber Sieger über Schweden. Dafür gibts, bevor wir wieder von KMH und Kahn malträtiert werden:

EM-Konzert 1: Frankreich – England

Ja wie, Fußball im Musikblog? Na wenn schon der so genannte moderne Fußball zur hohen Kunst erklärt wird. Und wenn das ZDF die ZuschauerInnen mit Linkin Park belästigt und Katrin Müller-Hohenstein ihre Halbzeitzusammenfassungen zu martialischer Schlachtenmusik vortragen muss. Ja dann: Warum auch nicht?

Was ist also bislang überhaupt passiert? Die Eröffnungsfeier geriet zum Trash-Techno-Festival, die offiziellen EM12-Einblendungen werden mit einem Jinglezeugs unterlegt, für den man sich selbst bei Jamba schämen würde und in jeder Halbzeitwerbung wird gepflegt auf ein „vereintes Europa“ geschissen und vielmehr irgendeine Rivalität zwischen Deutschland und Holland hochgejazzt. Ich warte nur noch darauf, dass irgendein Werbemensch den Vogel abschiesst und den Spruch „nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten“ in einem Spot für Babyshampoo unterbringt. Während im Hintergrund Manowar „We are warriors of the world“ skandieren. Vielen Dank auch.

Aber zurück zu Frankreich. Die Spielen gerade Fußball. Und zwar gegen England. Das ist zunächst in etwa so ansehnlich, wie ein Konzert der Troglauer Buam für einen Metalhead. Das geht dann in etwa so: Querpass, Querpass, Alibipass, Rückpass, Fehlpass. Wenn das der moderne Fußball ist, wünsch ich mir ab sofort das Comeback von Carsten Jancker. Jancker dazu: „Wenn ich mir das ansehe, halte ich es lieber mit Knorkator.“ Was er damit wohl meint? Ich vermute mal frei heraus:

Dreißigste Minute: Ein Freistoß aus dem Halbfeld, die französische Abwehr shoegazed mit beiden Beinen leicht neben dem Beat in der Abwehr umher, Lescott headbangt den Ball wuchtig rein. Tor, äh, Goal! 1:0 für England. Die Reaktionsgeschwindigkeit der französischen Verteidiger klingt im Übrigen in etwa so:

Wir erlauben uns derweil eine kleine Stilkritik. Heute betroffen: Umbro und Nike. Ein Lob an diese beiden Hersteller. Wo sich auf anderen Plätzen die Akteure in viel zu enge geschnittene Hemdchen zwängen müssen und man bei deren Anblick nur auf die Mannschaft wartet, die geschlossen mit Wuschelhaaren und Röhrenjeans aufläuft, gibt es hier einfach nur Trikots, die passen. Und sogar einen Kragen haben. Dieses mal also wirklich: Vielen Dank.

Inzwischen zieht Samir Nasri mal aus 18 Metern ab, trifft aber nur englische Beine. „Fast schon ein Verzweiflungsschuss“, schwachmatet Kommentatorennichtlegende Thomas Wark. Vermutlich weil er sich gegen den obligatorischen Querpass vor dem Strafraum entschieden hat. Wark würde hier vermutlich Verzweiflungsschreie konstatieren:

Sieben Minuten später: Der nächste „Verzweiflungsschuss“ von Nasri. Englands „Torwart“ Joe Hart fällt so ungelenk um, die sich Axl Rose inzwischen auf der Bühne präsentiert. Drin. 1:1. „Nicht herausgespielt“ sagt Wark. Die zwei, drei klugen Pässe, die zum Tor führten, waren also lediglich zufall. Na dann. Prost.

Zweite Halbzeit. Ein Kommentar zum Spiel aus Berlin:

Was wirklich langsam auffällt. Die Franzosen bolzen inzwischen bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus den unmöglichsten Positionen aufs Tor. Fußball ist das nicht. Eher Grindcore. Fehlen nur noch ein paar blutrünstige Fouls.

Das Spiel hat inzwischen so viel Klasse, wie eine Partie zwischen dem ASV Degernbach und Schülermannschaft aus besoffenen Abiturienten. Also gar keine. Im Fernsehen ein Schnitt auf Wayne Rooney auf der Tribüne. Der noch ein bisschen verbrauchter und fertiger aus, als sonst immer. Twitterte übrigens eben auch seine restliche Abendplanung:

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Zugegeben, das war extrem flach. Aber was bleibt schon übrig, ob so einer Partie. Würde der Schiedsrichter die Spieler für jeden Fehlpass auslachen, er würde den Abend vermutlich nicht überstehen. Dabei stehen hier doch wahrlich keine Nasenbohrer auf dem Platz (ausgenommen Englands Trainer Hodgson, dessen Popeln in Großaufnahme von Wark gutherzig als Grübeln bezeichnet wurde).

Wechsel bei England. Walcott soll bald reinkommen. Derweil Chance für England. Wark:“Wayne Rooney hauts aus der Bank hoch.“ Der Arme.

Wieder Wark: „England ist mit diesem 1:1 zufrieden.“ Ich nicht, ich habe 2:1 für England getippt. Jetzt kommt Walcott. In meinem eigenen Interesse: Mach ihn rein. Und doch: Niemand hat die Absicht, ein Tor zu erzielen. Na super.

Ein letzter (und hundertster) Distanzschuss der Franzosen. Dann ist es aus. 1:1. Punkteteilung, null Punkte für mich. Ein letztes Bonmot zum Spiel kommt aus Sindelfingen:

Gespenst – The Bloodline

Im Dunkeln

Man stelle sich vor es ist Nacht. In der Großstadt. Sagen wir mal in Kuala Lumpur. Schwerer Regen prasselt danieder, Anzeichen dafür, dass die Sonne jemals wieder aufgehen könnte, sucht man vergebens. Eine junge Frau steht etwas verloren rauchend auf ihrem Balkon im 28. Stock, von unten strömt der Straßenlärm mit all seiner Hektik als dumpfes Dröhnen herauf. Die Raucherin blickt in die Ferne, eine cinemascope-Kamerafahrt führt ihren Blick durch die Häuserschluchten weiter, immer weiter. Von irgendwo her ertönt ein bedrohlich wirkendes Cello, gefolgt von einer verirrten Gitarrenmelodie. Das Bild verdunkelt sich weiter, schwere Pauken hallen auf, während ein Glockenspiel vereinzelte Lichtpunkte in die Dunkelheit malt. Willkommen in The Bloodline, willkommen im Breitwand-Postrock von Gespenst aus – aha – Kuala Lumpur.

Musik für die Dunkelheit bekommt man hier serviert, und zwar auf dem Silbertablett. Postrock, der die Synapsen arbeiten, sich überschlagen lässt, auf der Suche nach den nächsten, noch ausdrucksstärkeren Bildern, die diesem Album innewohnen. Die auf ihre Befreiung, ihr Loslassen auf die HörerInnen warten. In 37 Minuten geistern sie dann umher, wabern in die entlegensten Ecken, geben sich mal schüchtern, mal kraftvoll, mal energetisch. Zu Beginn holt uns Silver Lining in der Klangtradition von Mono und Envy ab, gibt sich im Aufbau Postrock-prototypisch erst leise, dann laut und macht das alles ganz und gar hervorragend. Keine Frage, Gespenst wissen was sie tun, sie beherrschen ihr Handwerk vorzüglich. Das reicht von der leisen Freude an der Schönheit, wie man sie von Explosions In The Sky kennt, das kennt die Songwriting-Finesse von Mogwai und, wenn nötig, auch die Brachialität von And So I Watch You From Afar. Große Namen sind es, die man hier in den Referenzring werfen kann, aber auch große Bürden, die The Bloodline damit zu tragen hat. Zum Glück gehen Gespenst damit äußerst souverän und unverkrampft um. Die sieben Songs dieser Platte haben stets die richtigen Ideen, die guten Melodien auf ihrer Seite. So zum Beispiel der Titeltrack, der sich mit einer gehörigen Portion Härte durch seine sechseindhalb Minuten, zwischen Schönklang und Ausdrucksstärke hangelt, um schließlich im Finale ganz hoch hinaus zu fliegen, ohne sich – dem nächtlichen Klangbild sei Dank – die Flügel zu verbrennen. Unterstützt wird das alles von einer mächtigen Produktion, die der gesamten Platte den Anstrich potentieller Filmmusik verleit. Memoir ginge in Anbetracht dessen mit seinen schweren Klavieranschlägen und dezenter Elektronik als grandios-dystopischer Score durch, Departure würde auf ausschweifende Landschaftsbilder in der späten Dämmerung passen. Und der absolute Höhepunkt dieses Albums, das atemberaubend gute September würde in jeder nur erdenklichen Situation einen blendenden Eindruck machen. Einen Song von solcher Raffinesse, von solcher Größe und Kraft, müssen die oben genannten, arrivierten Bands erst mal wieder hinbekommen. Schicht auf Schicht türmen Gespenst die bezaubernden Melodien auf, und endlich ist man von knapp acht Minuten Postrock mal wieder richtig hingerissen und umgehauen. Da passt es dann auch, dass der Schlusstrack Vermissen den HörerInnen sanft und leise wieder auf die Beine hilft und sie behutsam aus dem Album trägt.

Gespenst machen auf dieser Platte zugegebenermaßen nichts wirklich neu, dafür aber vieles außerordentlich gut. Und so ist The Bloodline ein äußerst klassisches und vor allem rundherum gelungenes Stück Postrock geworden. 8/10

(Martin Smeets)

Slime – Schweineherbst

Zum Kotzen

Punk ist tot. Soweit, so klar, so offensichtlich. Die Zeiten, wenn es sie denn jemals gegeben hat, in denen bunt lackierte Mohawks einen Hauch von Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen hatten, sind lange vorbei. Das Leben in der Postmoderne, es scheint keinen Platz mehr zu bieten für vordergründige Oberflächlichkeiten. Schwierige Zeiten für Parolendrescher. Ein Glück. Aber schwierige Zeiten für klare Ansagen? Mitnichten. Mag es an und für sich ein Trauerspiel sondergleichen sein, es gibt da so ein Album, dass trotz eines Alters von mittlerweile achtzehn Jahren, brandaktueller nicht sein könnte. Dass es sich dabei nicht im Mindesten um den „Next-Level-Indie-Shit“ handelt, macht die Sache nicht eben fröhlicher. Aber bevor wir weiter in ungelenken Sätzen um den Meilenstein herumeieren, lassen wir doch die Urheber lieber gleich selber zu Worte kommen:

Alle schauen sich hilflos um und wissen nicht warum / und in welchen Löchern die Ratten lagen, die hier marschieren und losschlagen / doch sie lagen nicht in Löchern rum, oft sahn wir sie auf der Straße gehn / und sie grüßten dich mit gestrecktem Arm / du hast einfach weggesehn. Bäm, das hat gesessen! Da sind gerade mal dreißig Sekunden vergangen auf Schweineherbst, und schon servieren Slime die erste von leider viel zu vielen Punchlines, die man noch achtzehn Jahre später an jede Wand klatschen könnte. Müsste. Muss. Hoyerswerda, Solingen, Döner-Morde, NSU. 1991, 1993, 2012 und kein bisschen an Relevanz verloren, zumal gleich für all die relativierenden Kräfte eine klare Botschaft mitgeliefert wird. Freihaus, wenn man so will: […] und während sie immer mehr Menschen anzünden / bist du noch immer am Reden am Differenzieren /  man dürfte seine Werte jetzt nicht verlieren. So traurig es ist: Diese Worte sind nicht bloß sonnenklar, sondern schmerzhaft wahr. Und um mal gleich hier – ganz hamburgerisch –  die Butter bei de Fische zu lassen: Schweineherbst ist nicht lediglich das definitive Album dieser Band, es könnte in dieser Form nicht nur problemlos erst letzte Woche erschienen sein, nein, es ist das Album voller Zeilen, die Zeitlos sind, die – was eigentlich zum Kotzen ist – Jahre später weiterhin schockierend zielsicher, ja fast schon prophetisch ins Schwarze treffen. Dabei ist es längst nicht nur die althergebrachte Breitseite gegen Rechts, die man locker in die Gegenwart übertragen kann. Es ist – damals wie heute – eine Abrechnung mit der gesellschaftlichen Situation, mit der eigenen Szene und nicht zuletzt mit sich selbst, ohne dabei die diffuse Hoffnung auf Besserung aus den Augen zu verlieren.

So erkannten Slime in den eigenen Reihen schon in den Neunzigern den Stillstand, während sich Die.Linke anno 2012 in vollständiger Selbstzerfleischung übt, während Oskar Lafontaine fleht, doch bitte das Wort Spaltung wegzulassen. Slime sagten dazu 1994 nicht nur Für dich macht deine große Theorie einen Sinn / doch einfach menschlich zu sein / das kriegst du nicht hin / du weißt, was überall auf der Welt geschieht / doch singst seit Jahren immer nur dasselbe Lied, sondern auch und krampfhaft hälst du an deinen Dogmen fest / keine Bewegung, keine Bewegung / du bleibst stehen / du bleibst liegen / die Zeit vergeht, du redest viel / doch du stehst still. Aufgeräumt, Reflektiert und Pointiert werden die festgefahrenen Schablonendenker verabschiedet. Und das von einer Band, die sich mal damit zufrieden gab Wir wollen keine / Bullenschweine zu gröhlen. Gestern wie heute, 1994 wie 2012, die Aktualität dieser Platte wirkt an manchen Stellen geradezu brutal. Die alten Wahrheiten haben ausgedient, Punk ist nicht nur tot, sondern in den letzten Zügen der Verwesung. Und doch haben Slime für all die Vielen, denen das alles zu streng riecht, die in all der Absage, zwischen Hiobsbotschaften und dem Gefühl, jeden Tag ein bisschen zu verlieren,  doch ein bisschen Hoffnung schöpfen möchten, auch mehr als einen Halbsatz parat. Das fängt im heimlichen Highlight Zweifel bei  Und zweifelnd, was du so oft bist / weißt du, daß der erste Schritt / immer dein eigener ist / und Ernst Zweifel sagt dir: geh! an, geht in Hoffnung über Ich greif‘ einen Funken Hoffnung / seh‘ den Strahl, wie er wächst / jedes Glitzern kann sein wie ein Lied weiter zur finalen Losung Alles drin / alles macht Sinn. Deutschpunk fern von „no future“, Deutschpunk mit einer gewaltigen Portion Trotz. Und Sehnsucht. Überhaupt, Sehnsucht. Auch so ein Thema, dass dieses Album umtreibt. Wenn schon schwarz und weiß obsolet, gut und böse vergessen sind, wenn schon all die altbekannten Raster, die für das kleine bisschen silbermondsche Sicherheit stehen, nicht mehr zählen, woran soll man sich dann noch halten? Slime machen nicht den Fehler, einfach rundherum zu keifen, ohne ihren HörerInnen ihr ganz eigenes Soylent Green zu servieren. Kulturpesimismus als Selbstzweck hat nämlich noch nie jemand gebrauchen können.  Stattdessen sehnen sich die Parolenpunks von einst nach Menschlichkeit, nach Solidarität, nach Zusammenhalt. Und begeben sich damit auf textliche Gefilde, die dem Deutschpunk zum Teil fremd sind: Das ist das Land / Das wird nach uns benannt / Alter Geruch, schreit nach Zusammenbruch / Manchmal wünschte ich, du würdest / Herunterkommen zu mir. Und bringen so die Sehnsüchte gar nicht mal Weniger poetisch auf den Punkt. Überhaupt, die Poesie: Wo simplere Zeitgenossen ob der Vergangenheit und der 1994 wie 2012 aktuellen Rüstungsexporte die Parole wählten, zogen Slime schon vor achtzehn Jahren Paul Celans Todesfuge für ihre Zwecke heran. Man will seinen Hut zücken, falls man ihn bis dahin auf dem Kopf behalten konnte. Da erscheint es beinahe selbstverständlich, dass die spätestens seit Stuttgart21 wieder aufflammende Diskussion um Polizeigewalt im logisch benannten Gewalt – und das obwohl der Song einen gänzlich anderen Entstehungshintergund hat – mit die Lüge / in ihren Köpfen hallend / erzeugt in ihren Herzen Gewalt eine fast schon empathische Behandlung erfährt. Und trotz all dem überraschenden Maß an Reflexion, trotz so viel Selbstkritik: Ein kleiner Schuss klassischer Agitation muss doch sein, oder? Für die Punks der ersten Stunde haben Slime erstens mit Doch wenn ihr hört, daß ein Chemiekonzern / Ziel eines ohrenbetäubenden Anschlags sei / nun, eigentlich wollte ich es für mich behalten / doch euch sag‘ ich’s: / Ich war dabei! ein paar Zeilen und zweitens mit Brüllen, Zertrümmern und Weg einen ganzen Song parat. Von wegen Punk ist tot, tot ist ’94 wie ’12 höchstens die Parole. Klar ist aber: Jeder Herbst ist ein Schweineherbst, jedes Jahr ist ein Schweinejahr (womit auch geklärt wäre, warum Rantanplan ihren besten Song Schweinesand getauft haben). Man würde weinen wollen, wäre da nicht diese bereits erwähnte, eigenartige, der Platte inhärente Hoffnung auf Besserung, auf den Herbst, den Sand, den Sommer, das Jahr, die Welt ohne das Präfix „Schweine. „

Fast schon folgerichtig ist es dann, dass sich auf Schweineherbst, genauer gesagt in Aufrecht gehen ein Text von Marcus Wiebusch, ja, dem Wiebusch, der inzwischen mit Kettcar (stets überaus gelungen) Befindlichkeiten verhandelt, eingeschmuggelt hat. Und auch dieser liefert Sehnsüchtiges, bis heute nicht Eingelöstes: Das ist das alte, brutale Spiel der Sieger und Verlierer / Nichts zu regulieren, es wiederholt sich immer wieder / Fahnen werden gehisst / heute für Freiheit und morgen Faschist / Noch nie gab es eine zu sehen / unter der Menschen aufrecht gehen. 

Fast beiläufig gibt es zum Ende in Goldene Türme die weit vorweggenommene Phrase zur Finanzkrise: Goldene Türme wachsen nicht endlos / sie stürzen ein. Und man ist wieder soweit: Es gibt auf Schweineherbst keine Zeilen, die ins Leere führen, keine toten Ideen. Und als Zugabe keine schwachen Songs. Kraftvoll produziert brennen Slime auf dieser Platte ein nachhaltig beeindruckendes Feuerwerk ab, feuern dann und wann ein ein bissiges Solo und nehmen lediglich bei Gewalt kurz das Tempo raus. Dass es die Band – wenn auch in veränderter Besetzung – anno 2012 wieder gibt: Überflüssig. Die neue Platte Sich fügen heißt lügen: braucht vermutlich kein Mensch. Schweineherbst hat alles schon gesagt. 1994 wie 2012. Eigentlich ist das zum kotzen. 9/10.

(Martin Smeets)

News 06/06/12

+++ Das Bild lässt es nicht ahnen, nicht vermuten, sondern wissen: Es ist wieder Zeit. Zeit für Pomp, Spinnerei, große Gesten und hoffentlich nicht allzu viel heiße Luft. Genau: Muse melden sich zurück, und zwar so, wie es nur Muse können. Mit einem Trailer, der mehr Bombast enthält, als so manches Album in Gänze. The 2nd Law soll das ganze heißen, im September erscheinen und es wird höchstwahrscheinlich ein mal öfter die ganz große Weltuntergangsverschwörung skizzieren. Sänger Matthew Bellamy kündigt nebenbei schon mal einen gänzlich anderen Sound an, von dem man sich in den letzten Zügen des angesprochenen Trailers auch gleich mal überzeugen kann:

+++ Weniger bombastisch, dafür wesentlich kronketer geben sich Maximo Park. Deren neues Album The National Health ist nämlich fertig und kann ab jetzt auf Facebook in seiner ganzen Pracht gehört werden.

+++ Auf ihre ganz eigene Weise bombastisch sind dagegen The Hives. Auch die haben ihr neues Album längst fertig. Und so ganz nebenbei in ihrer ureigenen Bescheidenheit eine neue Gesetzgebung ausgerufen. Aber nach dem Song The Hives Are Law, You Are Crime, musste es ja so kommen. Die Lex Hives gilt es also jetzt zu befolgen. Für interessierte hier mal ein kleines Video:

Die Toten Hosen – Ballast der Republik

All die ganzen Jahre

Ganz ehrlich: Immer, wenn ich den Begriff „Tote Hosen“ auch nur höre, rollen sich mir die Fußnägel hoch. Zehn kleine Jägermeister, geschwenkte Feuerzeuge im Stadion ein zwanghaft Berufsjugendlicher Fassadenkletterer (und schlechter Schauspieler), Fußballhymnen und der ewig erhobene moralische Zeigefinger. Dagegen kommen selbst die zwei, drei Ausrufezeichen, die Campino und Co. zuletzt auf ihren Alben unterzubringen wussten nicht an. So gut man es auch mit ihnen meinen mag. Und jetzt, nachdem die Band ganze 30 Lenzen auf dem Buckel hat, geht das ganze wieder von vorne los. Nun gut, nicht ganz. Ein Jubiläumsalbum ist es geworden, satte 91 Minuten Spielzeit (rechnet man den 15-minütigen Gesprächsteil dazu), verteilt auf zwei Silberlingen, inklusive Gruß auf diese andere große Jubiläumsband da aus Berlin und einer ganzen Menge anderer Coverversionen. Die Hosen und das Großprojekt also. Wenn das mal gut geht.

Nun gut, so schlimm, wie es die Single Tage wie diese, für das sich wohl selbst Peter Maffay in Grund und Boden schämen würde, ist Ballast der Republik nun wahrlich nicht. Klar, Campinos aufdringlicher Gesangstil, die überbreiten Bratgitarren und eine große Kelle Pathos, das ist alles mal wieder vorhanden. Nur dieses mal gehen diese Elemente zum ersten mal seit sagen wir mal mindestens Unsterblich – nicht nur wegen der präzisen Produktion – wieder eine stimmige Verbindung ein. So rutscht Ballast der Republik als schlüssiges und überraschend wendiges Album locker auf der Habenseite der Hosen durch. Allein schon wie leichtfüßig sich der Titelsong mit der Akustischen vom pompösen Intro losreißt und nach vorne stürmt, hätte man der Band so eigentlich nicht mehr wirklich zugetraut. Und auch die Texte des Herrn Frege beschränken sich dieses mal nicht immer auf den gröbstmöglichen Holzschnitt. Man nehme nur Europa, das sich nicht nur unfallfrei mit dem Flüchtlingsdrama vor Lampedusa auseinandersetzt, sondern mit den letzten Worten „Und wenn sie nicht gestorben sind, sterben sie noch heute“ auch noch schwer im Magen liegt. Ein Hosen-Song, der nachwirkt. Da muss man auch hier konstatieren: Hätte man ihnen so nicht mehr zugetraut. In diese Schublade fallen außerdem das ungewohnt zurückgelehnte Ein guter Tag zum Fliegen und der angenehm schnörkellose Punkrocker Traurig einen Sommer lang, in dem Campino schließlich sogar die längst verloren geglaubte Biestigkeit wieder entdeckt: „Und als man Michael Jackson tot in seiner Bude fand, sah ich die Menschen Moonwalk tanzen, auf Ibiza am Strand.“ Demgegenüber steht nach all den ganzen Jahren gar nicht mal so viel zum Meckern. Das erwähnte Tage wie diese ist zum vergessen und Schade, wie kann das passieren? bedient sich mal wieder der leidlich originellen Fußballmetaphorik. Ansonsten verzichtet die Band auf Ärgerliches, ja sogar auf Belangloses und baut zwischen den Ausrufezeichen allerhand hörbare Nettigkeiten ein. Und da wartet ja noch der zweite Teil. Und der hat es in sich. Dort wird nämlich nicht nur offenbart, wo in etwa die Inspirationsquellen der Band zu verorten waren und sind, sondern auch mal wieder gezeigt, dass die Band eigentlich für mehr steht, als Fortuna Düsseldorf. Da wären zum Beispiel Die Moorsoldaten, entstanden im Konzentrationslager Börgermoor, das eine durchaus gelungene Umsetzung erfährt, da wäre Hermann Hesses Im Nebel, das sich durch den Verzicht auf Brachialinstrumentierung als Highlight entpuppt, da wäre das gut gelaunte Heute hier, morgen dort. Stark, die Herren, stark. Sogar Keine Macht für Niemand wird nicht kaputt gemacht. Auch gelungen: Das spinnerte Einen großen Nazi hat sie! von Fritz Grünbaum. Und das die Hosen noch die Chuzpe beweise, Schrei nach Liebe zu covern, macht die ganze Sache richtig sympathisch.

Dieses mal also bleiben die Fußnägel verschont. Dreißig Jahre Die Toten Hosen. Da gratulieren wir doch auch mal: 7/10

(Martin Smeets)