Alles nur Unterhaltung

So ist das also mit dem politischen Bewusstsein in der Musik. Eine Gratwanderung, ein Balanceakt, der von allen Seiten skeptisch beäugt wird. Ist das noch glaubwürdig? Ist das vielleicht sogar zu „gutmenschenmäßig“? Kann man sowas als scheinbar politische Band nun bringen oder nicht?

Nun, recht machen kann man es wohl niemandem so richtig: Defeater stoßen mit ihrem übergroßen Herz für Soldaten vor den Kopf, Propagandhi sind für die breite Masse viel zu extrem und in ihrer Extremität viel zu konsequent, alles, was sich bei Fat Wreck Chords tummelt, ist weichgespültes Zeugs und Bono mag sowieso niemand. Musik und Politik. Vielleicht zwei Dinge, die niemals zusammenkommen hätten sollen.

Ein weiteres Argument zur Beweisführung: Rise Against. Bei TV Total. Eine Band, die (vor einer gefühlten Ewigkeit) Zeilen wie „I have an American Dream, but it involves black masks and gasoline“ zu Papier gebracht hat, trägt die Revolution zu Stefan Raab, betreibt Subversion bei ProSieben, genauer gesagt der ProSiebenSat1-Media-Ag. „Is this only entertainment?“ haben sie einst gefragt, jetzt gehören sie selber dazu, spielen mit unter dem Deckmäntelchen, doch die eigene Message an mehr Menschen bringen zu wollen. Dabei wäre doch zu fragen, was vom eigenen Standpunkt überhaupt noch übrig bleibt, nach dem langen Weg aus verschwitzten Clubs nach Köln zu Stefan Raab. Die gröbsten Ecken und Kanten, die den beschriebenen Weg doch eher stören sind ohnehin schon lange weg, die kleineren verlieren sich auch mehr und mehr. Und am Ende kommt nicht mehr dabei rum als ein müdes „Wir sind alle unsere Freunde.“ Punk für die ganze Familie sozusagen. Als ob es dafür nicht Green Day gäbe. Vielen Dank auch.

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Ich bin empört und finde, dass man Rise Against die Lesebrillen von den Nasen schlagen sollte.

(Martin Smeets)

Dry The River – Albumstream

Sollten wir es noch nicht irgendwo erwähnt haben (und das haben wir wohl nicht): Am 02. März erblickt das neue Album von Dry The River – namentlich also Shallow Bed – das Licht der Welt- zumindest als Download. Die erste Single aus selbiger Platte, New Ceremony, machte bereits in weiten Kreisen ihre Runde und wurde allenthalben mit Komplimenten überhäuft. Jetzt, ein paar Tage vor der Veröffentlichung also, dürfen sich alle einen Eindruck von der zur Single gehörigen Platte machen, steht sie doch ab sofort als kommentierter Stream zur Verfügung.

Kommentierter Stream? Nein, keine Sorge, die Songs werden nicht unvermeidlich durch mehr oder minder witzige Stories zu ihrer Entstehung überblendet – Die Band ist vielmehr nett genug, um den geneigten HörerInnen die Wahl zu überlassen, ob sie denn nun die Kommentare hören wollen, oder eben nicht. Und uns bleibt erstmal nichts weiter übrig, als allen wärmstens zu empfehlen, sich ein wenig Zeit zu nehmen und auf den obigen Link zu klicken. Zumindest all diejenigen, die sich musikalisch irgendwo zwischen den Koordinaten Band of Horses und Arcade Fire finden können, könnten, sollten und müssten begeistert sein.

Kleine Neuigkeiten

  • Justin Vernon kann sich mit seiner Band Bon Iver vor Zuneigung und Lobhudelei kaum retten. Die selbtbetitelte Platte feierte in diversen Bestenlisten im Jahr 2011 Spitzenplätze, einen Grammy für das beste alternative Musikalbum und vermutlich unzählige Durchläufe in heimischen Plattenspielern. Dass es auch großartige Verfilmungen einiger Songs gibt, sollte nicht unberücksichtigt gelassen werden, zumal es sich zum Teil um wahre Meisterwerke handelt. Vor Kurzem durfte Towers Premiere bei vimeo feiern, das wahrlich eine Freude für Aug´ und Ohr ist:

    Weitere Videos zu Calgary und Holocene gibt es hier.
  • West Thordson, der Meister der traurig-schönen Momente, hat am Freitag mit A Whisper In The Noise eine neue Platte namens To Forget veröffentlicht. Bevor man sich das (wen wundert´s) wirklich schöne Werk aneignet, kann man hier in zwei Songs reinschnuppern:
    Your Hand

    Black Shroud
    A Whisper In The Noise sind im Mai übrigens hierzulande auf Tour:
    08.05.2012 GER Erfurt, Museumskeller
    09.05.2012 GER Solingen, Waldmeister
    12.05.2012 GER Köln, Aetherblissement
    13.05.2012 GER Münster, Fachwerk
    23.05.2012 GER Karlsruhe, Jubez
    24.05.2012 GER Duisburg, Steinbruch
    25.05.2012 GER Berlin, Schokoladen
  • Wer schon immer einmal eine Frage an The Mars Volta stellen wollte, hat genau jetzt die Möglichkeit. Die Chance, dass die Herren Rodríguez-López und Bixler-Zavala sie auf folgende Weise beantworten, könnte nicht schlecht stehen

Radical Face – The Family Tree: The Roots

Wahre Größe

Ben Cooper ist vieles: Waldschrat, Mitglied von nicht weniger als fünf Bands, Sänger von mindestens zwei Bands, Produzent von mindestens zwei Bands, irgendwie ein  Spinner, ein ruheloser Geist. Vor allem aber, und das muss man einem Kerl mit einem Output von solcher Quantität und Qualität jetzt einfach zugestehen, ist er ein ziemliches Genie. Schließlich geht das grandiose Debut von Electric President, eine der allergroßartigsten Platten der letzten Jahre, auf Cooper zurück. Und schließlich macht der Mann auch unter dem Namen Radical Face nicht weniger gute Musik. Wer mag, könnte Cooper auch als die etwas verquere und erdigere Variante von Konstantin Gropper alias Get Well Soon bezeichnen. Doch zurück zum Thema:

Was zwangsläufig als erstes ins Auge fällt: The Family Tree: The Roots ist ein Buch. Keine lose Sammlung von elf Songs, sondern eine in sich geschlossene Geschichte, die deshalb folgerichtig in der liebevoll-aufwändigen Aufmachung eines Buches daherkommt. Das stellt doch schon einmal gewisse Ansprüche an das, was sich unter dem Deckel abspielt. Muss sich die Musik also verstecken vor der Last der Erwartung? Mitnichten. Man kennt das zwar alles schon irgendwie, die typischen „uuhs“ und „oohs“, die Chöre, die Melodiebögen, die Cooper immer gefährlich nahe an der Grenze zur Einfältigkeit balancieren lässt, und doch gibt es dank einer Fülle von Kleinigkeiten und Details mit jedem Mal etwas Neues im Klanggewand zu entdecken. Exemplarisch wäre hierfür das im Geräteschuppen mit aufgenommene Wetter im kleinlauten Opener Names zu nennen, das sich im Laufe der Platte immer wieder in den Vordergrund schiebt, die Songs zusammenhält, der Platte eine Struktur, einen organischen Verlauf gibt. Überhaupt, das Klanggewand: Wie immer eigentlich, wenn Ben Cooper irgendetwas aufnimmt, ist die Produktion so gut und dynamisch, wie man sie sich bei allen Alben wünschen würde. Kein Übersteuern, kein Loudness-War. Die leisen Momente sind leise, die lauten eben Laut. Mögen sich alle Menschen, die sich für befähigt halten, Musik aufzunehmen, zu mischen und zu mastern ein Beispiel an dieser Platte nehmen. Doch zurück zum Thema:

Die Songs selber. Die sind nämlich mindestens gut. So muss das bereits erwähnte Names kaum zwei Akkorde anschlagen (und tut es auch nicht), man fühlt sich bereits wie Zuhause. Auch das folgende A Pound Of Flesh verzichtet darauf, aus der Reihe zu tanzen, zieht das Tempo an und stürmt gen Himmel. Das kennt man in dieser Form schon zwar vom Vorgängeralbum, solange die Songs allerdings nicht schwächer geworden sind, ist das geschenkt. Überrascht werden will hier ohnehin niemand so wirklich. Zu gut ist Cooper in dem, was er kann und ausgiebig zelebriert, als dass man von ihm auf dem falschen Fuß erwischt werden möchte. Und trotzdem, der finstere, fast wütende Tonfall von Black Eyes ist neu, genauso wie die Tatsache, dass Family Portrait bei all den Ansätzen nicht ausbrechen darf, sondern seine Muskeln nur ein klein wenig spielen lässt. Muskeln hat sich die ganze Platte im Übrigen einige zugelegt, sie wirkt stellenweise gar wie ein richtiger Kraftprotz. Selbst in den leisesten Momenten The Moon Is Down durchströmt die Platte eine gewisse Größe und Erhabenheit, die Songs machen jederzeit den Eindruck, als ob sie auf soliden Fundamenten fußen würden. Ausgehend von diesem festen Grund, können sie dann auch agieren, wie es ihnen eben gefällt. The Moon Is Down, wohl das heimliche Highlight der Platte, geht zum Beispiel mit seiner wunderschönen Melodie Trost spenden, während es mit ein paar schiefen Klavieranschlägen zeigt, dass es auch ganz anders könnte. Auch Always Gold, das offensichtliche Highlight der Platte, weiß um seine Möglichkeiten und nutzt diese dann auch bis an die Grenzen aus, rennt ganz weit raus, schlägt seine Hacken in alle Richtungen und kommt am Ende doch wieder dort an, wo es angefangen hat. Darüber noch eine wahrlich rührselige Geschichte und fertig ist einer der besten Songs, die Cooper bislang vollbracht hat. Davor, danach und dazwischen ereignet sich noch allerhand stürmisches (Mountains), gediegenes (The Dead Waltz) und vor allem immer spannendes, das Album läuft zu keiner Zeit Gefahr, einfach vorbeizurauschen. The Family Tree: The Roots fordert und bekommt über die komplette Spielzeit die volle Aufmerksamkeit ihrer HörerInnen. Und zwar nicht, weil dieses Album besonders anstrengend oder anspruchsvoll ist, sondern weil es schlicht und ergreifend ziemlich gut. Und um zurück zum Anfang zu kommen:

The Family Tree: The Roots ist nicht nur ein kleines Stück besser als sein Vorgänger, sondern auch ziemlich genau das Album, an dem Konstantin Gropper vor einigen Jahren mit Vexations in Würde gescheitert ist: erhaben und kraftvoll, aber gleichzeitig auch mitreissend und berührend. So geht dann wohl wahre Größe. Und wenn ich dieses Album nicht schon im letztjährigen Jahrespoll verbraten hätte, es wäre dieses Jahr wohl wieder unter den ersten drei.

(Martin Smeets)

AFI – Sing the Sorrow

Ein Intro, das zunächst an schlimmste musikalische Auswüchse à la Within Temptation oder The Gregorian erinnert. Zum Glück aber nur so lange bis Davey Havok mit seiner fantastischen Stimme einsetzt. Denn dann entpuppt sich das Opulenz trächtige Miseria Cantare – The Beginning als ein angemessener Opener dafür, was AFI am besten können: die Gratwanderung zwischen überzeichnet kitschigem Stadionrock und virtuosem Punkcore. Und ohnehin ist es Havoks Stimme, die diesen gewagten Soundmix so besonders und einzigartig macht.
Sing the Sorrow, eine Platte auf die 13-jährige Emo-Girlies ebenso abfahren können wie Hardcore geschulte, von Kopf bis Zehenspitze tätowierte Antifas im mittleren Lebensalter. Wer denkt, dass diese Beschreibung unsäglich klischeebeladen ist, hat recht. Doch es passt. Denn AFI sind eigentlich selbst ein einziges Emo-Klischee. Allein schon die fürchterliche Frisur Havoks wird viele schon vom Drücken der Play-Taste abhalten, weil dabei klar sein dürfte, dass man hier androgyn gesungene und gefühlsschwangere Teenietragik zu hören bekommt. Und das Artwork? Kommt daher wie ein ganz übler Vampirfilmstreifen FSK 12.
Aber lassen wir Oberflächlichkeiten und Klischees einmal beiseite, denn AFI sind weit mehr als das und das Drücken der Play-Taste lohnt sich bei Sing the Sorrow allemal.
Diese 2002-Platte ist sicherlich so etwas wie der wegweisende Meilenstein in der Diskografie der vier Kalifornier. Der „typische AFI-Sound“ wird konsequent weitergeführt und verfestigt sich und das nicht nur durch die endgültige Emanzipation von Dexter Holland (The Offspring), dessen Label Nitro Records AFI vor der Platte gen DreamWorks verlassen haben. Auch weil man förmlich spürt wie sie an ihrem Sound feilen und die Songs bis zur Perfektion bombastisch aufladen. Das geht nicht immer gut, meistens allerdings schon, niemals aber geht es in die Hose. Ein stetes Highlight ist, wenn und wie sich Havok in verschiedenen Stimm- und Tonlagen selbst zusingt. Und ja: The Leaving Song Pt. II, Bleed Black, Girl´s Not Grey und This Celluloid Dream sind einfach Riesenhits.
Immer bis in die kleinsten Details ausgeschmückt mit viel Melodie, enorm viel Produktionsarbeit und Experimentierfreude. Letztere ist ohnehin auf der ganzen Platte omnipräsent und wird manchmal, wie beispielsweise in den Techno- und Streicherabschnitten in Death of Seasons oder im 15-minütigen teils kammerorchestralen, teils filmmusikreifen Abschluss …But Home Is Nowhere regelrecht auf die Spitze getrieben. Das alles hat bei fast einer Stunde Spielzeit zweifellos auch Längen, denn Dynamik und Spontaneität fehlen der Platte an der einen und anderen Stelle. Gelegentliche Ausflüge in den Kitsch sind auch nicht zu leugnen, was bei dem Programm das AFI darbietet auch nicht wirklich verwundert.
Doch halten sich die eher faden Momente entschieden in Grenzen und es bleibt schlussendlich eine hervorragende Platte, bei der man sich gewiss nicht schämen muss die Play-Taste noch ein paar Mal zu drücken.

(Martin Oswald)

Frau Potz – Lehnt dankend ab

…und er lebt doch noch. Beziehungsweise war ja auch nie tot, allen Unkenrufen zum trotz. Und wenn wir schon bei schlechten Floskeln sind, vielleicht haben wir es hier mit der neuen Hoffnung des deutschen Punkrocks zu tun. Denn was einem hier auf 12 Tracks erwartet, lässt einem nicht mehr los und man möchte den nächstbesten Szene-Hipster im Viertel seinen Soja-Chai-Latte aus der Hand schlagen und grinsend weiterziehen. Was Frau Potz hier mit ihrem Debut Lehnt dankend ab abliefern, ist schlicht weg laut, aggressiv, prollig und von so einer konsequenten Anti-Haltung geprägt, das man die Jungs einfach lieben muss. Hier bekommt nun wirklich jeder sein Fett weg, vom Szene-Kiddy bis hin zum Musikschreiberling und zwar in einer so klaren Form, die man schon lange nicht mehr gehört hat. Die Direktheit der Jungs wirkt einfach erfrischend und hält den pseudo-intellektuellen Ergüssen manch einer deutschen Band genüßlich den Stinkefinger ins Gesicht. Dabei schafft es die Band das Niveau des Openers Ach, Heinar fast konsequent über das ganze Album durchzuhalten. Stilistisch gibt es zwar einige Parallelen zu Turbostaat und Pascow, aber dennoch schafft es die Band was völlig Eigenständiges auf die Beine zu stellen, das man einen Vergleich nicht scheuen braucht. Dabei ist die Themenauswahl natürlich nicht neu, werden einige bemängeln. Dafür ist die musikalische Verpackung aber einfach so gut, das man über altbekannte Probleme in diesem Genre hinwegsehen kann. Kritik gibt es mehr als genug auf dem Album. Lösungsvorschläge? Fehlanzeige! Aber fordert die Band nicht selbstständiges Denken und eigenverantwortliches Handeln? Eben also stellt euch nicht so an…und lasst euch von Felix Schönfuss krächziger Stimme abholen. Diese Platte wird noch länger im Gespräch bleiben und hat den ein oder anderen Platz in den 2012er Jahrescharts sicher. Ablehnen ist nicht…!

Das Video zum Opener Ach, Heinar:

Und wenn ihr Lust auf mehr bekommen habt, dann hört doch mal in das ganze Album der norddeutschen Band rein. Komplett im Stream unter folgendem Link:

http://www.stageload.org/kurznachrichten/frau-potz-lehnt-dankend-ab-album-stream

(Dominik Iwan)

Neuigkeiten zum Wochenende

  • Chuck Ragan hält sich häufig und offensichtlich gerne in Europa auf. Im Juni nimmt er deswegen seine Hauptband auf Tour mit: Hot Water Music kommen zu folgenden Terminen nach Good Old Europe:
    17.06. Salzburg – Rockhouse
    18.06. Wien – Arena
    19.06. Prag – Lucerna Music Bar
    21.06. Wiesbaden – Räucherkammer
    23.06. Dortmund – FZ
    Im Gepäck werden die vier nicht nur ihre bald erscheinende achte Platte (die erste seit acht Jahren) haben, sondern auch die tourverrückten La Dispute, die nach US-Tour und Thrice-Support Ende 2011, einer Headliner-Tour durch Europa im Januar/Februar 2012, einer gerade stattfindenen Australien-Tour, im März und April ganze 40 Shows in Nordamerika spielen werden, im Frühsommer wieder auf hiesige Club- und Festivalbühnen steigen werden.
  • Auch Ceremony haben in Bälde die neue Platte Zoo am Start. Genauer gesagt am 2. März. Nun gibt es daraus einen visualisierten Song namens World Blue, den es hier zu hören und zu sehen gibt:
  • Balance and Composure, ihres Zeichens Label-Freunde und auf oben erwähnter Nordamerika-Tour Support von La Dispute und eher ruhigere Vertreter des Post-Hardcore-Genres, wollen es noch eine Nummer ruhiger wissen und kündigen eine neue EP namens Acoustic 7“ an. Darauf werden sich u.a. auch Songs ihres letztjährigen Albums Seperation befinden. Vorbestellen kann man das Ding hier und aussehen wird es so (die Band scheint ein gewisses Faible für die Ersetzung von Köpfen durch Gestirne zu haben – siehe Cover von Seperation):

Gisbert zu Knyphausen (Heimat Regensburg)

Das Kneipenkonzert

Das Bild macht es schon deutlich: Es war kuschelig in der Regensburger Heimat am 05. Februar. Und es musste gut werden. Grund: Gisbert zu Knyphausen spielte mit Band in eben dieser Heimat auf und sorgte dafür, dass der Raum aus allen Nähten zu platzen drohte. Schnell eine rauchen gehen oder während des Konzerts kurz an die Bar: nicht drin. Mit großen Wirkungsradius auf der Bühne herumzappeln: unmöglich, wobei das bei Knyphausen und Band ohnehin nicht zum Usus gehört. Aber wie dem auch sei, hier der Abend erst einmal der Reihe nach.

Den Anfang machen durfte zunächst daantje & the golden Handwerk, wobei deren Start erst einmal recht unfreiwillig zum Eisbrecher wurde. Ein nicht funktionierendes Mikro und eine Stimme aus dem Off, die zugibt, nicht zu wissen, „wo das Kabel“ endet und noch anfügt, „dass der Hall toll“ sei: schon hat man die Lacher und das Publikum auf seiner Seite. Das Set selber weiß dann auch zu gefallen und die Knyphausen-Band, die sich daantje mal eben ausgeliehen hat, hatte sichtlich Gefallen daran findet, dass sich jeder mal an jedem Instrument austoben durfte. Waghalsige Kletterpartien über Monitorboxen und dergleichen inklusive.

Es folgt ein glücklicherweise knackig-kurzer Übergang – Bewegung ist nach wie vor nur sehr begrenzt möglich – und die Band klettert wieder auf die Bühne. Dieses mal allerdings mit Gibsert selber im Schlepptau, der dann auch gleich mit dem bislang lediglich vom Miniprojekt mit ClickClickDecker bekannten Frau Himmelblau bittet zum Tanz einsteigt. Unsere Postion an vorderster Stelle erlaubt einen wunderbar genauen Blick auf Musiker und ein Equipment, dass, könnte es reden, anhand der vielen Kratzer, Risse und Beulen enorm viel zu erzählen hätte. Gisbert und die Knyphausen-Band spielen sich derweil in Laune, hauen Erwischt  und Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen hintereinander raus und kriegen darüber so viel Spaß an der Sache, dass das Publikum gar aufgefordert wird, zur Kleinen Ballade mitzugröhlen. Schließlich sei man hier beim Kneipenkonzert und schließlich habe man den Song eine halbe Ewigkeit nicht mehr gespielt. Entsprechend sympathisch, die nicht ganz wackelfreie Umsetzung. Überhaupt: Auf Perfektion wird an diesem Abend nicht mehr Wert gelegt, als nötig, was dem ganzen Auftritt noch mehr Sympathie verleiht. Die nicht ganz richtige Instrumentenreihenfolge beim Einstieg in Herzlichen Glückwunsch wird nicht etwa korrigiert, sondern einfach mit einem lapidaren „Sorry, hab vergessen zu warten“ kommentiert und So seltsam durch die Nacht versucht Gisbert mit einer alternativen Tonlage („Soll ich stimmen?“) zu bewältigen, bis er einsehen muss: „Ja okay, ich stimm..“

Den Liedern selber tut dies freilich nicht weh, im Gegenteil, im kleinen Kreis wirkt vieles noch viel stärker als auf der großen Bühne. Kräne berührt tiefer, Sommertag kracht lauter und das sich stetig aufschaukelnde Herzlichen Glückwunsch haut noch mehr um als sonst. Zudem gibts mit Der tödliche Schlag ein düsteren Brocken von Song, der ursprünglich von Gunnar und Gisbert für ein Theaterstück geschrieben wurde. Den Schlusspunkt des regulären Sets darf dann das schmissige Der erste Mensch machen, dass auf der kommenden, gemeinsamen Platte von Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch vertreten sein wird. Als Bonus lässt sich die Band zwei mal zu einer Zugabe bitten, wobei der ernstliche Hinweis, man müsse jetzt in Anbetracht der späten Uhrzeit bitte aufhören schlichtweg ignoriert wird: lieber leise spielen als aufhören.

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 Nach dem Konzert lassen sich Gisbert und Co. dann auch nicht bitten und mischen sich unter die Wenigen, die in der Heimat verbleiben, zum rauchen und labern und trinken und teilen auch die Reste ihrer Kiste Bier mit dem Publikum. Und ganz zum Schluss gibt Gisbert selber noch den Sympathiebolzen, verabschiedet die letzten BesucherInnen persönlich in die klirrende Kälte. Und es war gut.

(Martin Smeets)

The Kills – Midnight Boom

From Dusk Till Dawn

Der Gedanke an harte Musik setzt meistens recht seltsame Assoziationsketten in Gang. Da denkt man dann an schnaubende, tätowierte Männer, an vom vielen Schweiß verätztes Gitarrenequipment, an Pyrotechnik um Mitternacht, an ins Publikum fliegende Gedärme, an dicke Verstärker – Fans von Manowar dürfen gerne an Marshalltürme denken, müssen dann aber auch die Radlerhosen in Kauf nehmen – und einen im Vordergrund herumhüpfenden Brüllwürfel. Oder an politisch korrekte Kerle, die ihre Message über ein mehr oder weniger diskret geratenes Instrumentalgewand keifen. Oder vielleicht auch, je nachdem wie man Härte jetzt definieren will, an drei Stunden Dauerbeschallung durch Bernd das Brot. Und allein diese wahllose Ansammlung von Klischees zeigt schon: subtil ist das halt nicht unbedingt. Normalerweise.

Bei The Kills liegt der Fall allerdings etwas anders. Vorneweg, Midnight Boom ist ein zwar unverschämt eingängiger, aber trotzdem harter Schlag in die Magengrube. Alison Mosshart und Jamie Hince arbeiten allerdings mit etwas anderen Mitteln. Das fängt schon dabei an, dass der Sound in etwa so dekoriert ist, wie eine verlassene Fabrikhalle. Und genau so klingt das Teil dann auch – recht leer und halb nackt. Ein paar stoische Bassläufe, nur das nötigste an Gitarre und Gesang drüber und im Hintergrund irgendein Rhythmus zum Takt halten. Der von den Wänden bröckelnde Rost sorgt für die nötige Atmosphäre, die ganze Kiste könnte schließlich jeden Moment in sich zusammenfallen. Wie grandios die halbverhungerte Klanggestaltung mit dem Songmaterial zusammengeht, wird schon im Opener U.R.A. Fever offenbar: Ein zurückgelehnter Rhythmus aus der Dose, ein Telefonhörersample werden unvermittelt von verschlepptem Beat und den grob verzerrten Gitarren überrumpelt, die in den folgenden Songs immer wieder mal reingrätschen werden. Zum Beispiel in den Tape Song der zunächst auch lediglich aus Minimalbeat und einem Basslauf besteht, wobei das Wort „lauf“ für letzteren wirklich noch ein Kompliment ist. Wenn allerdings Mosshart zum Refrain die Stimme hebt und Hince an genau den richtigen Ecken in den Song sägt, muss man sich zwangsweise mitreißen lassen. Überhaupt gilt: Wer hier nicht tanzen will, hat keine Beine mehr. Und verpasst somit auch die offensichtliche Single Last Day Of Magic und das heimliche Highlight der Platte: Hook And Line, von Anfang an auf Krawall gebürstet und im Vergleich mit luxuriös vielen Instrumenten ausgestattet, darf sich mal so richtig austoben und mündet konsequent im hemmungslosen Krach. Electropunk. Und alle so: Yeah!

Ab diesem Zeitpunkt verlässt sich Midnight Boom dann auch nicht mehr auf die bisher verwendeten Stilmittel und lebt vielmehr von der Ambivalenz zwischen Krach und Ruhe, zwischen Geiz und Verschwendungssucht. Die akustische Atempause Black Balloon etwa, die beinahe schon so etwas wie eine versöhnliche Atmosphäre in die Platte lässt, aber letztendlich doch irgendwie undurchdringlich und gruselig bleibt. Im völligen Gegensatz dazu steht wiederum M.E.X.I.C.O, dass innerhalb 01:37 alles auffahren lässt, was Mosshart und Hince eben im Studio auftreiben könnten und neben Feedback- und Rückkopplungsorgien nebenbei auch noch den eindeutigsten Moment – fünfzehn Sekunden im Engtanz mit dem Pop –   der Platte bereithält. Ähnliches gilt für den Krachbrocken Alphabet Pony und den fast wunderschönen, fast gefühligen Abgesang What New York Used To Be. Und zum Schluss darf sich dann Goodnight Bad Morning mit der Klampfe hinsetzen und so tun, als sei die ganzen elf Songs zuvor nichts gewesen und nichts passiert. Und auch wenn man das keine Sekunde glaubt, ist das sanfte Rausschunkeln aus dieser vertonten Gebäudesprengung willkommen und nötig, Eis auf die blauen Flecken, Balsam für die Wunden und ein Handtuch für die verschwitzten Haare und eine im Hintergrund aufgehende Sonne.

Dann ist sie vorbei, die Platte, die so viel gleichzeitig sein kann, wenn man sie nur lässt. Um es auf ein Minimum herunterzubrechen – und um dafür zu sorgen, dass unser hauseigenes Phrasenschwein endgültig an Herzverfettung stirbt – könnte man die Floskel ‚Musik für Kopf, Bauch und Beine‘ in den Raum werfen. Weil das aber ziemlich bescheuert klingt, bleibt es beim überschwänglichem grandios. Wer sich zu dieser Platte in die momentan rattenkalten Nächte stürzt, erlebt den Exzess bis zum Morgengrauen. Mindestens.

(Martin Smeets)


Feicherlichkeiten

Heute ist Valentinstag. Eine Erkenntnis, die man uns diesen Tagen von Schaufenstern und Plakatwänden entgegenbrüllt. Das ist also soweit absolut nichts besonderes, vielmehr ist es egal. Allerdings ist heute nicht nur Valentinstag, sondern auch unser erstes Jubiläum:

heartcooksbrain ist ein Jahr alt geworden. Nachdem wir im letzten Jahr ungefähr alle  2 Tage einen Artikel veröffentlicht haben, freuen wir uns jetzt mal eine Runde über alle BesucherInnen dieser Seite. Und das tun wir, um den Konnex zum Valentinstag nicht völlig in den Sand zu setzen, mit Locas in Love, genauer gesagt, mit deren Song Manifest: