Jahrespoll vol.1 von: Martin Smeets

Yeah, Jahreswechsel. Zeit für einen ordentlichen Jahrespoll, voll des überschwänglichen Lobes für eine Hand voll mühevoll ausgesuchter Bands. Herzlich willkommen in der hipsterfreien Zone, unter dem Zeug, was ich dieses Jahr am härtesten gefeiert hab. Und ab dafür:

Die 10 besten Alben des Jahres


10. Death Cab For Cutie – Codes And Keys
Death Cab in eine Bestenliste aufzunehmen ist jetzt auf den ersten Blick wohl nicht sonderlich originell. Wenn man allerdings die zwei Vorgänger – „Plans“ und „Narrow Stairs“ – hinzudenkt, die nicht über die Etiketten ’nett“ bzw. ‚halbgar‘ hinauskamen, ist „Codes And Keys“ durchaus eine Überraschung. Eine richtig starke Platte, die ich der Band so tatsächlich nicht mehr zugetraut hätte. Und „Doors Unlocked And Open“ gehört mit zum Besten, was sie je gemacht haben.


9. Bon Iver – Bon Iver
Stand anfangs unter Verdacht, bis zum bitteren Ende gehyped zu werden, weshalb ich dem Album zunächst mit großer Skepsis begegnet bin. Nun, so grandios, wie die Platte vielerorts gemacht wird, ist sie auch tatsächlich nicht. Sehr gut allerdings trotzdem.


8. Mogwai – Hardcore Will Never Die, But You Will
Was soll man sagen? Eigentlich hätten Mogwai ja allein für den Titel schon einen Platz in den Top10 verdient. Glücklicherweise passt auch die Musik. Um es kurz zu machen: Wieder eine neue Platte von Mogwai, wieder super geworden. Wenn nur alles so einfach wäre.


7. PeterLicht – Das Ende der Beschwerde
PeterLicht ist nicht nur irgendein obskures Alter-Ego für irgendeinen namentlich unbekannten Künstler, sondern auch und vor allem ein ständiger Begleiter wider die Angst. Und wenn Licht seine Platten „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ oder „Melancholie und Gesellschaft“ oder eben „Das Ende der Beschwerde“ nennt und man bedenkt, dass Licht dem Zeitgeist mit seinen Titeln immer einen Schritt voraus ist, kann man sich eh nur freuen. Ganz, ganz groß: Das ‚Fluchtstück.‘


6. We Were Promised Jetpacks – In The Pit Of The Stomach
Eine halbe Minute Krach mit allem, was im Studio gerade nicht festgeschraubt war und dann ein Gitarrenlick in die Dunkelheit schicken, wie es eben nur die Jetpacks spielen. Schon ist man wieder daheim und mitten drin in einer neuen Platte dieser jungen, immer besser werdenden Schotten. Nicht von den vielen medizinisch klingenden Songtiteln abschrecken lassen: Die wollen uns nur Gutes tun. ‚Sore Thumb‘ ist zu allem Überfluss auch noch der legitime Nachfolger von ‚It’s Thunder And It’s Lightning‘. Zumindest wenn es um ‚Übersongs‘ geht.


5. La Dispute – Wildlife
Ja, ich war es, der ‚Wildlife‘ in die höchsten Höhen geschrieben und dabei gleich noch den Vorgänger zur Fingerübung degradiert hat. Zu beidem stehe ich auch gerne und ‚King Park‘ ist ja auch ohne jeden Zweifel dieses Jahr einer der besten Songs unter der Sonne. Aber es gab eben noch ein paar noch beeindruckendere Platten in diesem Jahr. Daher: „nur“ auf 5.


4. Kenzari’s Middle Kata – Body vs. Function
Nach dem ersten Hören wahrscheinlich die bockigste Platte in dieser Liste. Aber: Wenn man die obere Schicht mal runter hat, gibt es wundervolle Arrangements, großartige Gesanglinien und eine Fülle von Ideen, die an Wahnsinn grenzt. In manchen Momenten könnte man glatt At the Drive-In an den Instrumenten vermuten. Bei der nächsten Platte gibts für diese Band dann den (verdienten) Hype. Mark my words. Wer das nicht glauben will, gehe bitte sofort ‚This Machinery Is For The People‘ hören.


3. The Antlers – Burst Apart
Einer der Gründe für meine oben erwähnte Skepsis gegenüber ‚Bon Iver‘ ist diese Platte. Vieles, was Letzterer gut macht, machen The Antlers mindestens genauso gut, oder besser. Den absoluten Gefühlsoverkill aus ‚Hospice‘ konnten sie in solcher Klasse nicht ein zweites mal bringen. Sie haben es auch gar nicht erst versucht. Der opener ‚I Don’t Want Love‘ macht sich auf zu nicht gar so bedrückenden Gegenden (zumindest musikalisch) und das abschließende Trio aus ‚Hounds, Corsicana‘ und ‚Putting The Dog To Sleep‘ hinterlässt offene Kinnladen. Immer.


2. Radical Face – The Family Tree:The Roots
Es mag ja der Verdacht aufkommen, aber nein: Ich mach das nicht, weil ich unbedingt eine Platte in meiner Liste haben will, die erst vor ein paar Tagen einen Europa-Vö für nächstes Jahr erhalten hat. Ben Coopers neuester Streich ist schlichtweg zu gut, um ignoriert zu werden, zumal die Platte für ein paar Wochen als Download zu kaufen war und somit kurzzeitig schon mal 2011 erschienen ist. Wie dem auch sei. Melodien in die man sich bedingungslos hineinwerfen und sich von ihnen forttragen lassen will, zusammenkomponiert zu vollkommener Schönheit aus sachten Gitarren, jubilierenden Klavieren und dezentem Pluckern, dürfen nicht ignoriert werden. Eine Platte, die nahe dran ist, unter die abgedroschenen drei Alben für die einsame Insel zu landen.


1. Defeater – Empty Days & Sleepless Nights
Nach „Travels“ jetzt also die Geschichte des anderen, von seinem Bruder in diesem Fall noch umzubringenden Bruders. Klingt kompliziert? Liegt daran, dass das Storytelling dieser Band sich nicht innerhalb einer Platte erschließen lässt, sondern den gesamten bisherigen Output der Band umspannt. Große Ambitionen also und das im Hardcore. Umso besser, dass „Empty Days&Sleepless Nights“ eine überragend gute Platte geworden ist. Aus ‚No Kind Of Home‘ muss man erstmal wieder herausfinden, ‚Empty Glass‘ ist fast sowas wie ein Hit und der Abschluss ‚White Oak Doors‘ ist zum heulen gut. Zum heulen berührend ist auch: die Story. Jedes Wort das hier herausgepresst wird nimmt einen mit. Und zwar glaubhaft. Und auch wenn die Lyrics nicht fröhlicher werden, sind die versöhnlich-folkigen Akustikklänge zum Abschluss dieser unglaublich intensiven Platte nicht nur Schmuck am Nachthemd, sondern bitter nötig. So als größtmögliches Kompliment an diese Band, die Klasse und den Mut den sie aufbringt.

Die 10 besten Songs des Jahres

10. Casper – Kontrolle/Schlaf
Man kann sich ja gerechtfertigt erschlagen fühlen von all dem Hype und Pathos um und von Casper, aber dieser Song ist kaum zu ignorieren.

9. Thees Uhlmann – Die Toten auf dem Rücksitz
So, der Nächste aus der pathetischen Fraktion, also der nächste (inzwischen) streitbare Künstler. Hier allerdings funktioniert die große Geste wunderbar. Uhlmann im Stadionsound. Kann man machen. Manchmal.

8. Mogwai – Music for a forgotten future
Mogwai zelebrieren 13 Minuten lang die Perfektion. Was soll man dazu noch sagen?

7. Death Cab For Cutie – Doors unlocked and open
Deatch Cab For Cutie sind wieder bei alter Stärke angekommen. Dazu brauchen sie nichts mehr als einen stoischen beat, minimalistische Gitarren und ein paar zauberhafte Melodien.

6. Fucked Up – Queen Of Hearts
Eine der Hardcorebands, denen ihre Schublade schon lang viel, viel zu eng geworden ist, was sie somit zu einer der hoffnungsvolleren Bands aus der Ecke macht. Das zugehörige Album kam für den Poll nicht mehr rechtzeitig rein. Der Song ist aber mehr als nur eine Entschädigung dafür.

5. Senore Matze Rossi – Was haben wir dazugelernt?
Matze Rossi. Einer für den man dankbar ist. Vor ein paar Tagen hat er erst sein letztes Konzert mit Band gegeben, jetzt gibts ihn hier im Jahrespoll. Und das völlig zurecht. Wir freuen uns auf das, was zukünftig von Herrn Rossi kommen mag.

4. We Were Promised Jetpacks – Sore Thumb
Vielleicht eine der Bands, die in Zukunft noch ziemlich groß werden können. Vor allem mit Blick auf die vielen Großartigkeiten, die diese Band auf nur zwei Alben verteilt hat. Dieser hier gehört auf jeden Fall mit zum Besten.

3. Defeater – Empty Glass
Defeater hatten meiner Ansicht nach 2011 (nicht nur) die beste Hardcore-Platte dabei. Genregrenzen braucht kein Mensch. Die üblichen Breakdowns genausowenig. Eine Packung Hirnschmalz hinter dem Großen und Ganzen allerdings schon.

2. La Dispute – King Park
Ein Ungetüm von einem Song. Bei soviel Brillanz hilft von meiner Seite nur eins: Schweigen.

1. Radical Face – Always Gold
Schöhnheit siegt über Härte. And the winner is: Radical Face! Ein Stück, dass man als Singer/Songwriter vielleicht nur ein mal im Leben vollbringt.

Die größte Enttäuschung des Jahres

Ich verzichte an dieser Stelle mal darauf, irgendwas offensichtlich runterzumachen und hab auch keine Lust mich mit Bands herumzuschlagen, die schon ein paar Alben früher den Weg ins Nichts eingeschlagen haben (Dredg, Red Hot Chili Peppers, Incubus usw.) und entscheide mich für die Band, die über ihre letzten Alben zwar auch auf einem gefährlichen Pfad gewandelt ist, aber diesen meist sicher beherrscht hat. Also:

Rise Against – Endgame
Nachdem ich die letzten beiden – durchaus streitbaren – Alben doch ganz gerne und ohne den Drang zu skippen gehört habe, bleibt von Endgame am Ende: Nichts.

Der beste ‚Newcomer‘ des Jahres

206
Die einzige Band aus der Kategorie „Nie gehört“, bei der mich ein einzelner Song so sehr anfixte, dass ich mir das komplette Album besorgt habe. Ein Glück, denn „Republik der Heiserkeit“ ist nicht nur nicht stumpf, sondern auch verdammt gut.

Es schreibt: Martin Oswald

Bei heartcooksbrain. seit: Wo?

Schreibt hier weil:
Ich unbedingt andere an meinem überragenden Musikgeschmack teilhaben lassen muss. Was da einigen entgehen würde… Ok, ein bisschen bescheidener:
Naja, es macht schon irgendwie Spaß ein Hobby zur Profession, also zum kultivierten Hobby zu machen. Wenn man ohnehin den halben Tag mit Musikhören beschäftigt ist, kann man schon auch mal darüber schreiben, wie es so ist Musik zu hören.
Klingt jetzt langweilig?! Ja, kann schon sein. Allerdings ist es mir manchmal ein unsagbares Bedürfnis über Bands und ihre Musik ganz derbe herzuziehen. Ein noch viel größeres Bedürfnis aber ist es, die Bands, die ich liebe, anzuhimmeln und das selbe verdammt noch mal von allen anderen zu verlangen. Genau das tue ich bei heartcooksbrain. …und vielleicht bleibe ich dabei sogar ein bisschen auf dem Laufenden – das kann nie schaden.

Wichtigste Bands:

1. Tagtraum, weil es nicht nur die Band meiner Jugend, sondern die wohl am meisten unterschätzte deutschsprachige Band der vergangenen zwei Jahrzehnte war. Ja, hier sind jahrelang die besseren Muff Potter systematisch verkannt, nicht beachtet und nicht selten geschmäht worden. Das ist allerdings nicht der einzige Grund sie hier zu nennen.
Denn eigentlich liegen die Gründe als wichtigste Band auf der Hand: Nie wieder habe ich mich auf ein Album so gefreut wie im Winter 2003 auf „Komm lass´ es echt sein“. Von keiner Band habe ich mehr Konzerte besucht (ich glaube der Zähler liegt bei 11). Wohl keine Platte habe ich im Dauerrepeat öfter gehört als „Augen auf und durch“. Bei keinem Album außer „Seelenpuzzle“ war jedes Lied mindestens einmal mein Lieblingslied. Noch immer werden die vier teilweise stark mitgenommenen Tagtraum-Shirts nicht aus dem Kleiderschrank verbannt… Tja, es gäbe noch so einige Gründe.
Tagtraum haben sich 2006 leider aufgelöst – doch nach wie vor verfolge ich interessiert die Pfade der (insgesamt 5) Schweinfurter und werde es auch weiterhin tun. Bis zum letzten Ton.

2. Sigur Rós, weil sie – ja, das wurde wohl schon häufig gesagt – über allem schweben. Aber so verhält es sich eben. Wohl keine Band ist so gigantisch in der Komposition und Darbietung ihrer Stücke wie die vier Isländer. Kleine Melodien, die sich zu wahren Opern entfalten. Und es ist nicht nur die Musik, die Sigur Rós so einzigartig macht. Die Band ist schlichtweg ein Gesamtkunstwerk. Vom Artwork bis zu den Videos. Perfekt. Niemand hat das alles dermaßen kunstvoll drauf wie Sigur Rós. Aber genug der Worte. Ohren auf, „()“ reinlegen und sich purer Schönheit hingeben.

3. Sophia, weil Robin Proper-Sheppard so ziemlich der einzige seelenwandlerische Glaubensguru ist, den man nicht für untröstlich verrückt erklärt. Also ein bisschen schon, spätestens, wenn er vor lauter Jammern und intimster Schilderungen über Gott und die Welt, vor allem aber über Gott, vergisst seine Songs zu spielen. Doch man kann es ihm, insbesondere ob der Schönheit seiner Musik, nicht wirklich übel nehmen. Man kann ihm einfach nur hingebungsvoll verfallen. Es ist ja so als würde ein Engel seine Stimme und Gitarre durch die Lieder hindurch geleiten. Oh je…

Heimliche Lieblingsband:
Aereogramme:
Als leidenschaftlicher Anhänger des Genres „Heulsusenmusik“ stehe ich total drauf, wenn progressiver Postrock so zart und feinfühlig daherkommt. Eine brillante und weithin unterschätzte Band.
Aereogramme sind ja nun leider nicht mehr existent, dafür aber mit einem würdigen Nachfolger zumindest zur Hälfte wieder unterwegs: The Unwinding Hours.

Die drei liebgewonnensten Alben:
1. At the Drive-In – Relationship of Command. Es gibt vielleicht nicht viele perfekte Platten. Und wenn es ihrer fünf auf dem ganzen Planenten gibt, so gehört diese auf alle Fälle dazu. Der (vorübergehende) Schlusspunkt einer Band, der nicht gewaltiger ausfallen kann. Was sind das bitte schön für fulminante Songs? „Arcarsenal“, „Pattern Against User“, „Invalid Litter Dept.“, „Cosmonaut“… ach, die Aufzählung nimmt ja eh kein Ende. Da wurde bei At the Drive-In mit Stahlseilen zusammengehalten, was später nicht minder kreativ auseinander strebte.

2. Radiohead – Kid A. Oh, eine dieser anstrengenden Platten. Da werden die Gitarren gegen irgendwelche Computerdingsel eingetauscht, Thom Yorke trinkt noch mal eine Pulle mehr vom Lamentiertrank (später sollte er sich ja darin gar ertränken) und das Britpoppige in den Melodien weicht dem Orchestralen einerseits und dem Elektronischen andererseits. Und das soll gut sein? Oh nein, das ist exzellent. Zweifelsohne eine widerspenstige Platte, der man Zeit geben muss. Umso mehr horcht und gehorcht man ihr, wenn man sie nach langem Kampfe liebgewonnen hat. Stets in demütiger Verneigung vor dieser grenzwandlerischen Meisterleistung. Eine der besten Platten, die jemals gepresst wurden.

3. Bright Eyes – I´m Wide Awake, It´s Morning, weil Conor Oberst niemals vorher und niemals nachher so gut war. Sensible kleine Songs und Melodien voller lautmalerischer Größe, die zudem an textlicher Brillanz kaum zu übertreffen sind. Oder gibt es was Schöneres als morgens mit Conors Gesäusel im Ohr aufzuwachen?

Schlimmste Wissenslücke:
Hier muss ich mich dem Kollegen Smeets anschließen. Dass es wohl schon vor meiner Geburt Musik gab, ist mir zwar bekannt, aber irgendwie auch ziemlich schnuppe. Allerdings weniger aus Ignoranz als vielmehr aus der Erkenntnis, dass der Tag maximal 24 Stunden hat, mein Geldbeutel ein ziemlich großes Loch und mir ein langsames Herantasten an die Meisterwerke im Fundus des vergangenen Jahrtausends schlicht uferlos erscheint. (Fast) einzige Ausnahme: Pink Floyd.

Macht sonst noch:
Gscheit’ daherreden – immer und überall.

Anti-Flag – Clubtour 2012

Kuschelig wird es im April, wenn Anti-Flag auf Deutschlandtour kommen. Denn die vier Pittsburgher, die mittlerweile locker mittelgroße Hallen füllen könnten, haben sich extra kleine Clubs und Locations ausgesucht, um eine persönlichere Atmosphäre zu schaffen. Na dann, nichts wie los zum nächsten Ticketladen, denn diese Ware dürfte rar und bald vergriffen sein. Übrigens: die neue Platte namens The General Strike haben Anti-Flag dann auch schon im Gepäck.

Die acht Deutschland-Termine 2012 lesen sich so:

April 16 – Oberhausen, Germany – Zentrum Altenberg
April 18 – Cologne, Germany – Luxor
April 19 – Wisebaden, Germany – Raeucherkammer
April 20 – Stuttgart, Germany – Universum
April 22 – Munich, Germany – 59:1
April 24 – Osnabrück, Germany – Kleine Freiheit
Aprril 25 – Bremen, Germany – Tower
April 26 – Hamburg, Germany – Logo

Was sonst noch geschah

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Vorneweg: Ja, wir mussten das tun und ja, wir finden das überaus lustig. Also das Bild jetzt. Schließlich haben Kettcar eine neue Platte im Ärmel. Die heißt „Zwischen den Runden“ und soll textlich zwischen harten Schlägen in die Magengrube und versöhnlichen Worten so ziemlich alles parat haben. Außerdem heißt es, dass die letzte Akustiktour ihre Spuren im jetzigen Sound der Band hinterlassen hat. Soll heißen: Krach gibts weniger und Wiebusch knödelt ab jetzt mehr als bisher über Akustische, Trompeten und Streicher. Klingt jetzt vielleicht despektierlich, ist aber nicht so gemeint. Wirklich nicht. Wir freuen uns jedenfall auf den 10. Februar 2012. Dann kommt nämlich die Platte. Auf Tour kommt die Band übrigens auch:

18.12. Münster – Gleis 22
23.02. Saarbrücken – Garage
24.02. Essen – Grugahalle
25.02. Neu-Isenburg – Hugenottenhalle
26.02. Stuttgart – LKA
28.02. Bremen – Schlachthof
29.02. Kiel – Max Music Hall
01.03. Dresden – Schlachthof
02.03. Leipzig – Haus Auensee
03.03. München – Kesselhaus
04.03. Köln – E-Werk
06.03. Hamburg – Große Freiheit 36
07.03. Hamburg – Große Freiheit 36
08.03. Hannover – Capitol
09.03. Magdeburg – AMO
10.03. Bielefeld – Ringlokschuppen
11.03. Berlin – Columbiahalle

Und ein Cover hat die Platte auch:

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Außerdem: Frank Turner kann einfach nicht genug bekommen und tourt nächstes Jahr mal wieder durchs Land. Wer sich das nicht entgehen lassen will und schon immer mal mit Herrn Turner einen Heben wollte (das sollte kein Problem sein), kann dies an folgenden Tagen und Orten tun:

17.12. Zürich – Abart
18.12. Wien – Wuk
19.12. Graz – PPC
20.12. Heidelberg – Karlstorbahnhof
01.04. Frankfurt – Union-Halle
02.04. München – Backstage
03.04. Saarbrücken – Garage

Von der weitgehend akustischen Zunft gehts nahtlos weiter zu den Bratgitarren. Namentlich: zu den Cancer Bats. Die haben ihren Rock’n’Roll durchsetzten Hardcore nämlich ein mal öfter auf Platte gebannt. „Dead Set on living“ wird das Teil heißen. Einen kurzen Eindruck bekommt man hier:

Cancer Bats – DxSxOxL from Distort Inc. on Vimeo.

Ebenfalls eine neue Platte aufgenommen hat Ben Cooper aka Radical Face. „The Family Tree – The Roots“ wird diese heißen und sie wurde hier auch bereits vor Wochen angekündigt. Dass die gleiche Platte jetzt noch ein weiteres mal in den News auftaucht hat allerdings seinen Grund: die Platte hat inzwischen einen Deutschland-Release spendiert bekommen. Hierzulande werden wir also ab dem 23. Jänner 2012 feiern können. Denn – soviel sei verraten – die Platte wird grandios sein. Für gespannte hier gleich mal ein Video:

  1. Bild: visions.de [zurück]
  2. Bild: edelight.de [zurück]

Thees Uhlmann – Thees Uhlmann


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Was wurde nicht schon alles geschrieben über Thees Uhlmann, den musikalischen Heilsbringer aus Hinter all diesen Fenstern, den Gratwanderer zwischen angebrachtem Pathos und fürchterlichem Kitsch, die hibbelige, omnipräsente Frontnervensäge vom Grand Hotel van Cleef, den Mann der scheinbar einfach eine große Kelle Leidenschaft zu viel erhalten hat. Und wie oft ist er dabei nicht schon abgeschrieben worden, mitsamt seiner Band Tomte. Buchstaben über der Stadt? Zu glatt, zu poppig, zu kitschig. Heureka? Eine einfallslose Wiederholung.
Ja nun, was macht ein Thees Uhlmann angesichts solcher Kommentare? Schließt er sich nun ein Jahr ein und kommt plötzlich mit einem verkopften Meisterwerk an? Nein. Uhlmann setzt lieber seine Band auf Pause, streift sich die Lederjacke über und marschiert unter seinem eigenen Banner los. Und zwar ganz vorn und nach vorn.
Der Blick aufs Cover verrät schon: Uhlmann ist angekommen, auf der großen Bühne, zu der er immer schon hinwollte. Den Weg dorthin – zumindest die letzten Meter – zeichnet er jetzt mit seinem Soloalbum nach. Man kann sich das gut vorstellen. Uhlmann in bester Bruce Springsteen-Manier auf der staubigen Landstraße, die akustische umgehängt und einfach geradeaus drauf los. Da wird nicht mehr groß nachgedacht, da wird die altbekannte Zurückhaltung von Tomte gepflegt über Bord geworfen. Stattdessen wird hier das wuchtig produzierte Schlagzeug nach vorn gelassen und alle anderen folgen artig. Pausen? Gibt es keine. Braucht es auch nicht.
Elf Songs lang darf sich Uhlmann hier nach Herzenslust austoben, immer auf der Suche nach der noch größeren Geste. Und so abschreckend das auch klingen mag – meistens funktioniert das Uhlmannsche Pathos durchaus ausgezeichnet.
Über ein paar Powerchords „Die Nach war kurz und ich steh früh auf!“ skandieren? Platt. Macht aber trotzdem Laune. Den inzwischen auch schon irgendwie unvermeidbaren Casper einen Rap-part beisteuern lassen? Kann man machen. Im Opener den fast schon altklugen rauskehren? Nehmen wir auch mit. Und auch wenn Uhlmann im Albumverlauf mit „17 Worte“ und der ultraflachen Geschichte des Mädchens von Kasse2 auch mal ganz ordentlich danebengreift, finden sich gerade zur Albummitte ein paar Momente, die man sich in dieser Form schon seit langer Zeit mal wieder von Tomte gewünscht hätte.
„Die Toten auf dem Rücksicht“ macht – ironischerweise – jede sommerliche Autofahrt zum Fest und zwingt die Hände geradezu gen Himmel. Da funktionieren sie wieder, die unbezahlbaren Uhlmann-Gesten. Übertroffen wird das Ganze gleich im Anschluss mit „Sommer in der Stadt“, das erst ein bisschen im Offbeat rumlümmeln darf, bevor Uhlmann den Song in einen überlebensgroßen Refrain kippen lässt. Und wenn er sich gleich im nächsten Höhepunkt – „Römer am Ende Roms“ – von einem gut gelaunten Klavier zum Stadionrock und schließ gar fast schon zum Punkrock hangelt, kann man eh nur noch den Hut ziehen.
Es glänzt natürlich längst nicht alles so auf dieser Platte, wie der genannte Dreierpack. Da zieht schon manches am Ohr vorbei, da gibt es einiges, was nicht mehr als ein gefälliges Fußwippen erzeugen kann und sich im Verlauf der Zeit ob seiner Einfachheit gewaltig abnutzen wird.
Aber die möglichen Befürchtungen im Vorfeld dieser Platte – das endgültige Abrutschen in den Schlager, um mal ein Beispiel zu nennen – erweisen sich als unberechtigt. Und Thees Uhlmann hat außerdem auf einer guten Platte ein paar seiner stärksten Momente untergebracht. Und er zeigt, dass er noch lange nicht alles gesagt.
Und jetzt mal ganz ehrlich: Was will man mehr?

  1. Bild: erdbeerlounge.de

Gisbert zu Knyphausen – s/t

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Es gibt ja Platten, die viel mehr sind, als nur bloße Alben mit guter Musik in den Rillen. Manchmal erwischt man sich bereits beim Blick aufs Cover, beim Hantieren mit dem Vinyl bei nicht eben rationalen Gedanken. Da denkt man plötzlich ‚Wir könnten Freunde werden‘, wenn man die Nadel auf die Platte setzt. Der Erstling von Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen – der volle Name musste jetzt sein, ja – ist da so ein Fall.
Die Selbstbetitelte ist nicht nur meine erste Platte, die auf meinem ersten Plattenspieler gelaufen ist, sondern auch die Platte, bei der ich weiß, dass das Gefühl, wenn ich Jahre später das wohl leider ziemlich zermackte Vinyl aus dem Karton ziehe, genau das selbe sein wird, wie beim ersten auspacken. Und im Normalfall liegt mir derlei Fanromantik ziemlich fern.
Gisbert zu Knyphausen, also das Album jetzt, lässt den geneigten HörerInnen aber auch kaum eine andere Wahl. Ein Album voll kleiner und großer Geschichten, wie selten eins zuvor. Ob in Sylvesternächten, an Frühstückstischen, in Cowboystiefeln oder an Sommertagen, Gisbert zu Knyphausen hat immer einen guten Satz für den Weg parat.
Wenn das stoische Neues Jahr mit den Worten „Es ist zwölf, ich bin gespannt was sich ändert“ aufmacht, an blöd glotzenden Damen, glücklichen Gesichtern und stumpfen Geschichten vorbeischlendert, nur um mit „Wir rutschen tiefer und tiefer ins Glück“ zu enden, fällt es schwer, sich zu entziehen und dem Album nicht weiter zu folgen. Oder wenn Gisbert zum Ende des immer lauter und größer werdenden Herlichen Glückwunsch mit allem was er hat „Wo die Verwundeten wohnen, dort will ich sein“ schreit. Vielleicht sind es die teilweise brillanten Melodien, vielleicht ist es das verschmitzte Grinsen, das inmitten der wohligen Melancholie immer wieder durchscheint, vielleicht ist es alles zusammen: dieses Album lässt dich nicht los, es begleitet dich ständig.
Und wer beim Hören von Erwischt nicht ein kleines bisschen gerührt ist, wer sich in Herzlichen Glückwunsch nicht irgendwie selber wieder findet, wer Spieglein, Spieglein nicht ab und zu reumütig recht geben muss, oder wer bei Sommertag nicht einfach nur raus, raus, raus will, hat sowieso kein Herz.
Natürlich ist es nur logisch, dass die übersättigten Hipster hier „Musik für Sozialpädagogikstudenten Mitte 20“ rufen müssen. Die haben dieses Album dann aber auch nicht verdient. Selber schuld.

  1. Bild: amazon.de

Sigur Rós – Takk…

Das ist eine dieser Platten, die alle im Plattenschrank haben sollten. Also wirklich alle. Ob Hipster, Indie, Klassik-Fan, Popper, Hippie, Punk, Electro-Guru… ach was es nicht sonst noch alles gibt. Ich weiß, nicht allen wird sie gleichermaßen gefallen, nicht alle werden sie anhimmeln wie ich das tue. Aber immerzu griffbereit sollten sie alle haben. Denn auch in einem durchzechten Metal-Leben oder einem gangbangmäßigen Hiphop-Lifestyle wird es Momente geben, in denen sich nichts, aber auch wirklich nichts, besser anfühlen wird, als Takk… auf den Plattenteller zu legen oder in das CD-Fach zu schieben.
Das werden vorzugsweise die einsamen Momente sein. Bei Mistwetter, mit einer warmen Tasse Tee in der Hand, einer Kuscheldecke auf dem Schoß, einer gehörigen Portion Sehnsucht in der Brust und einem Haufen ungeordneter Gedanken im Kopf. Die Momente, in denen der Ofen knistert, die Kinder draußen Drachen steigen lassen und der Nachbarshund neblig in die Kälte schnauft. Oh je, soviel Kitsch?
Aber ja, die volle Ladung.

Denn Takk… ist nicht einfach nur ein Album, das man kauft, um es gekauft zu haben oder mal so hört, um es gehört zu haben. Takk… ist ein Geschenk, ein Traum, der durch die Lautsprecher auf die Hörerin wie Tausend kleine Wölkchen niederprasselt. Oh, jetzt reicht´s aber mit Gossenromantik… Nein, nein, denn das hier ist die Wahrheit. Und alle, die dieser Platte eine Chance geben, die sich ausreichend Zeit für sie nehmen, werden gleiches berichten.

Schon das Artwork der vier Isländer beeindruckt. Ein 8-jähriger Schuljunge steht im altmodischen Wams treuherzig in der Gegend. Er ist allein und etwas ratlos, vielleicht verträumt. Hat er etwas angestellt? Hat er statt dem Unterricht zu folgen draußen die im V-Verbund flatternden Wildgänse beobachtet? Hat er sich vorgestellt mitten unter ihnen in die windgeplagten Lüfte zu steigen und hat er daraufhin die Fragen der Lehrerin überhört und missachtet? Ja, sie hat ihn wohl aus dem Klassenzimmer verbannt. Nun steht er da unter den Andeutungen wehender Sträucher und weiß nicht wie ihm geschieht – er sinniert. Ein begabter Buchdrucker erzählt diese Geschichte auf dem Cover. Oder ist es doch eine ganz andere Geschichte?
Welche Geschichten erzählen uns eigentlich Sigur Rós selbst? Nun ja, es ist natürlich alles andere als einfach hinter dieses isländische Kauderwelsch zu steigen, das Jónsi mit seiner einzigartig-unnachahmlichen Stimme artikuliert. Aber was er wirklich singt, ist ohnehin nebensächlich. Denn auch wenn das mitteleuropäische Ohr in jeder Textzeile eine bloße Ansammlung wunderschöner Lauten wahrnimmt, so ist doch stets klar worum es geht. Es sind schöne Geschichten, die Jónsi erzählt. Es sind Geschichten voller Sehnsucht und Hoffnung, voller Empathie und Liebe – voller Schönheit. Und wenn das Wort Schönheit vertont werden müsste, so müsste Sigur Rós eingeladen werden dies zu tun.

Doch zum Album: Takk… wählt einen majestätischen Einstieg. Der Titeltrack führt knisternd und unpointiert steigernd ins Thema ein, gibt grob die Richtung vor, stimmt die Instrumente ein, klingt ab und setzt in Glósóli langsam anmarschierend wieder ein. Eine überragende Nummer, die sich zögerlich entfaltet, wohldosiert die Dynamik antreibt – und schließlich in einem orgastischen Crescendo aufgeht. Im dazugehörigen Video läuft eine Gruppe Kinder auf eine Klippe zu und springt… aber nicht etwa die Klippe hinab, nein, hinauf in die Lüfte. Die Kinder fliegen über die Weiten des Meeres davon. Und ja unser Schuljunge ist ganz gewiss mit dabei.
Aber damit nicht genug. Wir sind wohlgemerkt erst beim zweiten Song. In Hóppipolla springen vom wundervollen Streichquartett Amiina begleitet alte Menschen in Pfützen. Greise, die Klingelputzen spielen und sonstigen Schabernack treiben. Ist das nicht wunderbar? Ja, ist es. Hóppipolla ist heute nicht zu unrecht der wohl bekannteste und meistgespielte Sigur Rós-Track. Ähnlich schön geht es weiter. Meo Blódnasir leitet das zweite Viertel des Albums ein. Zweites Viertel? Oh ja, bisher sind wir erst ganz am Anfang. Sé Lest, Saeglopur und das überwältigende 10-minütige Milanó gestalten sich musikalisch komplexer. Zwar stets zur Einfachheit neigend, entfalten sie das ganze Können dieser Band. Verspieltes Glockenspiel und Xylophon, einprägend-intoniertes Klavier, mit Geigenbogen bespielte E-Gitarre, über den Horizont hinaustragende Bassläufe, wuchtig-dezent treibendes Schlagzeugspiel und die Streicherinnen. Ja, die Streicherinnen, die unseren Schuljungen über blühende Wiesen und dichte Wälder, über Gebirgsbäche und schneebedeckte Gipfel hinfort tragen. Die Melodien werden opulenter, die Songszenerie ausgedehnter, die Detailverliebtheit prägender. Milanó klingt lang, sehr lang aus, um in das schönste Streicher-Schlagzeug-Gitarren-Intro der Musikgeschichte hinüberzusetzen. Gong ist wesentlich düsterer und mystischer als die ersten zwei Plattendrittel und bleibt damit so etwas wie das etwas traurigere Stiefkind auf Takk… Denn mit Andvari wird die Platte wieder heiterer und trägt sich über Svo Hljótt und Heysátan ruhig in heimische Gefilde.
Der Schuljunge kehrt nach einer abenteuerreichen und wunderbaren (Traum-)Reise nach Hause und legt sich mit müden Augen, aber einem glücklichen Lächeln ins Bett.
Und irgendwo da draußen fliegen die Wildgänse ihre sehnsuchtsvollen Runden…

Ankündigung: Der heartcooksbrain.-Jahrespoll

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Zur Abwechslung erlauben wir uns mal einen Beitrag in eigener Sache: Auch heartcooksbrain. macht beim zu dieser Zeit üblichen Jahrespollwahnsinn mit. Damit wir dabei auch so etwas wie die 5 besten Alben unserer LeserInnen erstellen können, sind wir natürlich auf eure Vorschläge angewiesen. Unter den TeilnehmerInnen verlosen wir unser Album des Jahres.
Das Ganz funktioniert ganz einfach so:

1. Beitrag kommentieren
2. Die eurer Meinung nach max. 5 besten Alben des Jahres nennen
3. Warten und hoffen

Wenn ihr keine Lust habt, hier zu kommentieren, nur um am Ende vielleicht noch im WordPress-Spambereich (der von uns übrigens regelmäßig nach Nicht-Spam-Comments durchsucht wird), könnt ihr gerne auch auf Facebbok eure Lieblingsplatten des Jahres kundtun. Damit das ganze wenigstens in kleines bisschen repräsentativ ist, braucht es allerdings mindestens 7 TeilnehmerInnen.

Unseren Jahrespoll findet ihr im Übrigen am 28. Dezember hier. Die Gewinnerin oder der Gewinner unserer Verlosung, so es eineN gibt, wird dann von uns angeschrieben.

  1. Bild: sphotos.ak.fbcdn.net

Rise Against – Siren Song Of The Counter Culture

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Einer für die Zweifler. Für die Punkpolizei, die „Ausverkauf!“-Schreier. Ganze sieben Sekunden dauert es, dann sind alle ruhig, dann ist das anfängliche Dauerfeuer von State Of The Union vorbei. Dabei war im Vorfeld dieser Platte viel gezetert und geredet worden über die Band, die es gewagt hat, Fat Wreck Chords den Rücken zu kehren und stattdessen zukünftig beim Major zu veröffentlichen. Und dann wurde auch noch – welch frevelhafte Tat! – der Haus-und-Hof-Produzent Bill Stevenson durch einen gewissen GGGarth ersetzt. Es konnte also eigentlich nur geradewegs in den Mainstream gehen, mit Powerballaden, Streicher, Teenage-Angst-Lyrics und dem ganzen Klimbim.
Raus aus dem Hardcore und frohen Mutes hinein ins Diktat der Eingängigkeit? Nun, nicht ganz. Rise Against sind dann doch eine Spur zu clever für solch offensichtliche Manöver. Der Vierer aus Chicago, der 1999 noch unter dem Namen „Transistor Revolt“ damit begann, seine Instrumente zu malträtieren, weiß es besser und schmeißt dem wütenden Mob gleich zu Beginn ein Brett vor die Füße – man könnte auch sagen: in die Kauleiste -, dass in dieser Form niemand erwarten hätte können. Sauschnell und präzise, ohne die Melodie aus den Augen zu verlieren und darüber ein Tim McIlrath mit der Stimme im roten Bereich: muss man erstmal so hinbekommen.
Dennoch macht der dritte Longplayer der Band im Vergleich zu seinen Vorgängern vieles anders. GGGarth – auf dem Produzentenstuhl alles andere als ein unbeschriebenes Blatt – verpasst der Band zum ersten mal eine richtig ordentliche Produktion, die es fertig bringt, der Dynamik der Band und vor allem Tim McIlrath’s Stimme den Raum zu geben, den sie benötigen. Nie klang Tim McIlrath besser, als auf diesem Album. Bis heute.
Und auch Rise Against lassen, gemessen an den Songs, keinen Zweifel daran, dass sie in Sachen Songwriting und Dynamik einiges dazugelernt haben. Was dann passiert, wenn die gestiegenen Fähigkeiten auf ein immer schon da gewesenes Gespür für große Songs und Melodien treffen, liegt schließlich auf der Hand. Und wird auf „Siren Song Of The Counter Culture“ anschaulich vorgeführt.
Die brutale Hardcorenummer hatten wir ja schon, der Rest allerdings ist nicht minder erwähnenswert. Paper Wings zum Beispiel, dass mit seinem unfassbar guten Refrain bis Heute zu den besten Songs der Band zu zählen ist. Oder Blood To Bleed, ein Midtempobrocken mit Hang zur großen Geste. Und dann natürlich noch die offensichtlichen Hits, die auf Konzerten zum Glück unvermeidlichen Give It All und Swing Life Away. Letzteres übrigens eine Ballade mit richtiger Akustikgitarre und ohne Geschrei, die aber vor allem ohne Vorwarnung auftaucht und bezaubert. Was alles geht. Dazwischen passiert allerhand Gutes bis Großartiges, lediglich Anywhere But Here macht einen etwas zu fröhlichen und glatten Eindruck. Ach ja: Dancing For Rain, der bis zu diesem Zeitpunk wendigste Song der Band, packt doch tatsächlich für ein paar Sekunden die Streicher aus. Allerdings nur, um gleich darauf mit der Gitarre drüberzubraten. Kann man machen.
Und wer mit Rumors Of My Demise Have Been Greatly Exaggerated an den Schluss seiner Platte einen seiner allergrößten – und vor allem am sträflichsten unterschätzten – Songs stellt, hat ohnehin noch lange nicht fertig und noch eine ganze Menge zu sagen.
„It’s life that scares me to death.“ – Wie gut, dass es doch Bands wie Rise Against gibt.

  1. Bild: visions.de