2011 bleibt spannend.

Die Liste an großartigen Alben 2011 ist bereits jetzt ungewöhnlich lang und wird, so denn alles normal läuft, noch um einiges länger werden.
Nächster Anwärter: Belong von The Pains of Being Pure at Heart. Dieses erscheint am 29.03.2011. Hören darf man auch schon etwas, und zwar den Titeltrack. Der macht Lust auf mehr, auch wenn man mit etwas bösem Willen behaupten könnte, dass es sich bei folgendem auch um einen Song von Liquido handeln könnte.
Aber man höre selbst.

Circle Takes the Square – As the Roots undo

Es pfeift vermutlich unschuldig daher im Intro dieser Platte und doch verbreiten die angeschrägten Klänge und das Gemurmel im Hintergrund eine flaue Vorahnung in der Magengrube. Dann brüllt einer Rejoice! Rejoice! A noble birth, a prince is born! und ehe man sich versieht, weiß man nicht mehr was passiert. Genrebezeichnungen sind bei Circle Takes the Square nicht nur völlig unmöglich, sondern lächerlich und schlicht und ergreifend unfair. Diese Band spielt alles und das am besten gleichzeitig. Schon die gefühlten 720 Ideen in Same Shade as Concrete nötigen Bewunderung ab, Ruhe und Sturm wechseln sich nicht mehr ab, sondern fließen ineinander, während darüber Frau und Mann perfekt getimt die Lyrics rauskeifen.
Nach dem zügellos brutalen Crowquill kippt In the nervous light of Sunday nach zwei Minuten um, gibt Gesang(!) frei und steigert sich in eine völlig hysterische Hymne.
Danach spendieren Circle Takes the Square etwas Pause und präsentieren mit Interview at the Ruins einen nachvollziehbaren, aber dennoch nicht weniger intensiven Song, nur um die geneigten HörerInnen im folgenden, wirklich unglaublichen „Non-objective Protrait of Karma erst durch ein überlanges Intro in Sicherheit zu wiegen und sie danach mit absolut fiesem Chaoscore niederzuknüppeln. A Crater to Cough in darf sich dann zum Ende der Platte als Reprise der Pfeiferei im Intro ausgeben, ist aber ein zum zereissen spannender Postrocker.
Das ist – man kann es nicht anders bezeichnen – Kunst.
Perfekt durcharrangierter, fragiler Krach in atemberaubender Umsetzung, sowohl an den Instrumenten als auch an den Mikrophonen.
Auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen: KUNST!

10/10

Rossi die Zweite

Nach den vielversprechenden Vier Geschichten von Geistern, Mädchen, Elefanten und Schildkröten veröffentlicht Herr Rossi am 08.04.2011 die zweite EP, welche auf den noch viel unhandlicheren Titel Vier Geschichten von Veränderung, Maschinen, einer Liebe und warum aus mir und meinen Freunden nicht mehr werden kann“ hört.
Ob Matthias Nürnberger dort anschließen kann, wo die erste EP aufgehört hat und ob das Album schließlich Zwölf Geschichten von… heißt und so versucht, den längsten Albumtitel für sich zu verbuchen, wird sich zeigen.

Senore Matze Rossi – Vier Geschichten von Geistern, Mädchen, Elefanten und Schildkröten

Matthias Nürnberger gehört zu der Sorte von MusikerInnen, denen man nur wohlwollend auf die Schulter klopfen kann. Grundsolide, höchstsympathisch und – nun ja – halt nett. Schon Tagtraum waren viel zu wendig für drögen Deutschpunk, völlige Begeisterung konnte allerdings nur bei eingefleischten Fans aufkommen. Auch als Senore Matze Rossi schien Nürnberger bisher diesen Trend fortzusetzen. Live zeigte er regelmäßig, wie groß und mitreissend seine kleinen Songs sind, auf Platte konnte er dies jedoch nur bedingt umsetzen.
Zu dünn produziert war …Und wie geht es jetzt deinen Dämonen?, zu zaghaft ging Herr Rossi seine Lieder an und so wurde so manche gute Idee zur halbakustischen Belanglosigkeit.
Umso schöner die Überraschung, die die vier neuen Lieder mit sich bringen. Nürnberger hat die E-Gitarre wieder für sich entdeckt, es scheppert, es rockt und es wird vor allem euphorisch mit schönen Melodien um sich geworfen. Die Lieder, durch die sich Herr Rossi mit hörbarer Leidenschaft in der Stimme „Nagelt“ würden – allen voran Dein Elefant – ein einer gerechten Welt im Radio laufen. Und das ist als Kompliment gemeint.
Laut eigener Aussage sind das die vier besten Songs, die Matze Nürnberger bisher aufgenommen hat. Das kann man ohne Bedenken unterschreiben. Und wenn dieses Niveau auch über die Langrille gehalten werden kann, wird Rossi das aufheben, was Muff Potter liegen gelassen haben.
Und das ist verdammt nochmal das größte Kompliment, dass man ihm machen kann.

Nachricht der Woche

Circle Takes the Square nehmen gerade ein neues Album auf. Das ist eigentlich ein alter Hut, denn das tun sie schon seit Jahren. Aber jetzt, wo man zwischenzeitlich nicht einmal sicher sein konnte, ob es diese Band noch gibt, sieht es so aus, als würde die Band bald fertig werden.
Darauf exorbitant lautes Freudengeschrei und die Erinnerung an vergangene Großtaten:

Familienfest

Fest van Cleef. 11.12.2010 in Mainz

Gesetze zum Schutz vor dem bösen Zigarettenqualm ziehen manchmal seltsame Blüten nach sich. So begab es sich, dass sich das Publikum in der Phönixhalle hermetisch voneinander abriegelte. Vor der Bühne streitet jüngeres Publikum um die beste Sicht, ganz hinten lümmeln die scheinbar Routinierteren rum und versuchen, so abgeklärt wie möglich zu wirken, während in der kleinen Halle – dort darf geraucht werden – alle wie die Verrückten um die Wette quarzen.
Das Schauspiel findet jedoch ein rasches Ende, als die Beleuchtung ausgeht und – wie sollte es auch anders sein – Thees Uhlmann die Bühne entert. Aufgedreht bis zum Anschlag sabbelt er nach Herzenslust von aufgemalten Bärten und Krümelmonstershirts, kündigt aber irgendwann doch noch die erste Band an: Beat! Beat! Beat!
Die machen ihre Sache dann, mit etwas Wohlwollen, recht ordentlich. Indierock der Sorte „So wie ihn halt alle gerade hören wollen“, präsentiert von einer Band, deren Mitglieder – zumindest von außen betrachtet – um diese Zeit gar nicht mehr arbeiten dürften. Nach einer guten halben Stunde ist das Set vorbei, für die meisten geht es rüber in die kleine Halle, um bis zum zweiten Auftritt möglichst viel zu rauchen und vor allem, um ein weiteres Mal Thees Uhlmann zu bewundern. Neues Outfit, gleiche Rumzappelei. Der Mann scheint an diesem Abend omnipräsent zu sein. Was folgt ist: Tim Neuhaus
Und mit ihm folgt wieder ein Auftritt, den man unter „ganz okay“ verbuchen kann. Singer-Songwriter Zeugs, das man in seinen besseren Momenten gern hat und in schlechteren nicht bemerkt. Auch nach Neuhaus gehts flugs zurück zur großen Bühne, man möchte schließlich Young Rebel Set sehen. Im Übrigen: Die Band wird von Thees Uhlmann anmoderiert und er hat wieder das Outfit gewechselt.
Während des Sets fragt man sich zunächst, für was die bitteschön so viele Leute brauchen, ist aber dann doch zunehmend begeistert von den Songs und vom Vortrag. Dies sollte sich auch den Rest des Abends kaum mehr ändern. Es fogt: Thees Uhlmann, der in neuem Outfit niemand geringeren als Nils Koppruch ankündigt.
Der geht auf die Bühne, lächelt verschmitzt und gibt ohne großes Bohei seine Lieder zum besten. Und wieder mal fragt man sich, ob der Mann eigentlich auch nicht bezaubern kann. Es gibt wohl keinen Satz, der aus dem Mund Koppruchs nicht nach großer Poesie klingen würde. So sind dann auch seine Lieder. Einfache Singer-Songwriter-Kleinode, die dich in den Arm nehmen, dir die Kippe anzünden und dabei noch fragen, ob sie dir ein Bier holen sollen. Ein Höhepunkt des Abends, an den Gisbert zu Knyphausen nahtlos anknüpfen sollte. Aber zuerst: Thees aka Mr. Bühnenpräsenz Uhlmann in neuen Klamotten.
Dann Gisbert und wieder Magie. Der Mann kann also auch ohne Band ganz zauberhafte Auftritte raushauen. Kein Wunder bei den Songs. Herzlichen Glückwunsch, Kräne, Sommertag, Erwischt. Alle sind dabei und alle werden sie gefeiert. Da sollte es für die nächste Band scheinbar schwierig werden, mitzuhalten.
Nach der obligatorischen Rauchpause und dem unvermeidlichen Thees Uhlmann – übrigens in neuem Outfit – kommt diese dann auch auf die Bühne. Einen Namen hat sie auch und den sollte man sich nach Möglichkeit merken. Merken!
An Horse also. Eine Frau, ein Mann, kein Bass und viele Assoziationen, die Hoffnung auf ein großartiges Set machen. Drei Akkorde später sieht man sich im Recht. Hier stehen die Japandroids minus Krach plus Melodie und höchst sympathischer Frauenstimme auf der Bühne und machen das, was bisher keine Band so ganz im Sinne des Wortes getan hat: rocken. Es kracht, es ist laut und auch Uhlmann gefällts scheinbar, sonst würde er kaum während des kompletten Sets rauchend neben der Bühne rumkaspern.
Zurück vor der großen Bühne gibt es dann eine herbe Enttäuschung. Die folgende Band wird nicht(!) von einem neu angezogenen Thees Uhlmann angekündigt. Macht aber nichts, ein neu eingekleideter Thees Uhlmann kommt trotzdem auf die Bühne und unterhält die Masse in den folgenden 45 Minuten unter dem Namen Thees Uhlmann und Freunde. Und wie. Der Mann verwandelt sich in einen anderen Menschen, sobald er die Bühne betritt. Zu recht typischen Uhlmann-Songs springt der auf der Bühne und dengelt auf seiner (armen) Gitarre herum wie von Sinnen und macht dabei vor allem richtig viel Spass. Dass er sich inzwischen einiges herausnehmen darf, beweist er, als er mit seiner Band als Zugabe einfach ein zweites Mal „Zum laichen und sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ anstimmt. Ein richtig guter Song übrigens. Danach gibt es die einzige etwas längere Umbaupause, an deren Ende Thees Uhlmann in neuer Kleidung den hochoffiziellen Headliner des Abends auf die Bühne bittet: Kettcar
Die können inzwischen ohnehin kaum mehr etwas falsch machen und machen das – abgesehen von der Tatsache, dass Wiebuschs Gitarre nur bei großer Konzentration und dann auch nur als dumpfes Dröhnen zu hören ist – auch nicht. Man leistet sich den Luxus, zu einem Intro auf die Bühne zu flanieren und legt dann ordentlich los. Die haben richtig Bock, soviel wird von der ersten Minute an klar. Dann gibt es ein waschechtes Best-of-Programm, zwei neue (und gute) Songs, eine halbironische Rockstareinlage und – man will es nicht für möglich halten – einen Marcus Wiebusch, der singt(!) anstatt zu nuscheln.
Dann ist es vorbei und man zufrieden mit dem Wissen über den Inhalt von Thees Uhlmanns Tourkleiderschrank nach Hause.

Das ist schön.

Death Cab For Cutie veröffentlichen im Mai ein neues Album. Die Platte soll auf den Namen „Codes and Keys“ hören und gut sortierte Plattenläden am 31. Mai diesen Jahres erreichen. Eine Tour gibts obendrauf, jedoch steht noch nicht fest, ob sich die Band auch in unsere Breitengrade verirren wird.

Alles weitere kann man bequem auf deathcabforcutie.com nachlesen.

Schön, dass ihr wieder da seid.

The Strokes geben wieder Laute von sich. Und die erinnern – was nach dem etwas überladenem und hochglänzenden „First Impressions of Earth“ nicht unbedingt zu erwarten war – wohltuend an das hoffnungslos unterschätzte „Room on fire“. Wer das nicht glaubt, sehe selbst:

Bleibt nur noch zu sagen: Liebe Mutter aller „The“-Bands, die du doch selbst irgendwie dem Epigonentum zuzurechnen bist, schön, dass du wieder da bist.

Killing the Dream-Lucky Me

Hardcore ist – von den üblichen Ausnahmen abgesehen – in etwa so innovativ wie Toastbrot. Jetzt kommen Killing the Dream und ziehen in sieben Songs das Genre auf links. „Lucky Me“ ist nicht nur ein grandioses Album, es ist ein in sich geschlossenes, in jeder Hinsicht bemerkenswertes Meisterwerk.
We are here to destroy the world
So grüßt Elijah Horner in „Blame the Architechts“ zum Einstand, ehe das Inferno seinen Lauf nimmt. Beängstigend präzise Gitarren prügeln auf den Song ein bis sich eine wunderschöne Melodie direkt vom Postrock ins Getöse verirrt und gerade als man halbwegs versteht, was da eigentlich gerade passiert lässt die Band den Song in sich zusammenstürzen um eine volle Minute Platz für Streicher(!) zu machen. Was folgt grenzt an Sadismus. Ruhe und Krach im fliegenden Wechsel, eine vertonte Prügelei, Geige, Krach, Elektronik, Gebrüll, Song vorbei, HörerIn taumelt benommen, BAM- nächster Song. „Walking, diseased“ gibt sich als rasanter Hardcore-Brecher aus, nur um umgehend ein bisschen straighten Punk zu spielen und sich zur Songmitte in eine völlig andere Richtung zu bewegen. Das folgende „Testimony“ verlässt sich anfangs auf sein treibendes Schlagzeug, die Bratzfraktion an den Gitarren hält sich zurück. Und dann kommt der Moment, in dem Killing the Dream einem ganzen Genre zeigen, wie man cleanen Gesang mitten ins Geholze plaziert, ohne lächerlich zu wirken. Kurt Travis kommt da reingeschneit und singt, nein, bezaubert mit seinem grandiosen Vortrag.
Auf Seite 2 des giftgrünen Vinyls fühlt man sich dann vorbereitet. Die anfängliche Ruhe von „Past of a Saint(we were thieves)“ vermittelt trügerische Sicherheit und gibt etwas Zeit, um sich auf die nächste Breitseite vorzubereiten. Die kommt dann auch, aber nur kurz. Auch dieser Song macht genau nicht, was man erwarten würde. Meine Güte, nicht mal auf den Hardcore ist mehr verlass. Mit „PartIV (Sinner’s Future)“ gönnt sich die Band dann den Luxus, einen der sieben Songs ein kurzes Instrumental sein zu lassen bevor man in „Hell can wait“ erneut unvermittelt in brachialer Geschwindigkeit und atemberaubender Virtuosität eins auf die Mütze bekommt, sich an einem Melodiehaken erfreut und mal wieder feststellt, dass der Song, nachdem er in alle Richtungen ausgebrochen ist, völlig anders endet als erwartet. „Black“ darf die Platte dann fulminant rausgetragen. Was bleibt, ist Ver- und bewunderung.
War das nun tatsächlich die Band, die ein Album früher ganz ordentliches, aber doch monotones und stumpfes Gebolze abgeliefert hat? Ja, tatsächlich.
Hier sitzt alles, kein Ton ist am falschen Platz, die Produktion ist brillant und das Artwork – wie immer, wann Jacob Bannon den Stift in die Hand nimmt – wunderschön.
Watch us destroy the world
Mit dem größten Vergnügen.
9/10