Radare – Im Argen

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Noch einen Scotch, bitte! Den letzten.

Filmmusik. Auch so ein seltsames Genre, wenn es denn überhaupt eines sein sollte. Und wer wird da eben nicht sofort an Fluch der Karibik, Star Wars, Indiana Jones oder James Bond denken. Die Musik ist ja beim Film nicht lediglich für Stimmung, Charakterzeichnung, Schockeffekte und dergleichen mehr zuständig, sie manifestiert sich auch, sofern sie einprägsam genug ist, im kollektiven Gedächtnis, wird zur Rezeptionsgrundlage nachfolgender Filme, Kritiken, Werkschauen und Dekaden-Kompilationen. Die Musik muss auch unabhängig vom Film funktionieren und sich entsprechend verkaufen, so zumindest die Hoffnung der Marketingstrateg_innen bei Filmproduktionen. So läuft der Hase.

Doch was ist eigentlich wenn es zur Filmmusik überhaupt keinen Film gibt, ja wenn es sich gar nicht um eine große Produktion handelt und gemessen an den oben genannten Themes nicht besonders einprägsam ist? Dann ist vielleicht der Anfangsbegriff nur falsch gewählt. Könnte sein, die Sache ist aber etwas komplizierter und hier kommen auch schon Radare mit ihrem neuen Album Im Argen ins Spiel.

Denn bereits nach den ersten Saxophon-Seufzern bei Please Let Me Come Into The Storm / Luke malt sich man Filmszenen vor’m inneren Auge. Keine actiongeladen-explosiven oder bombastischen – wohlgemerkt. Oh nein. Malen wir uns lieber aus: Das Spotlight steht auf dem gewellten roten Bühnenvorhang in der verrauchten Kellerbar und David Lynch schleicht sich aus dem Halbdunkel an, einen Scotch in der einen, eine heruntergebrannte Kippe in der anderen Hand und spielt ein unsichtbares Saxophon. So ungefähr. Es wäre deutlich untertrieben, würde man von einer Reminszenz an Lynch sprechen. Er oder genauer sein Haus- und Hof-Komponist Angelo Badalamenti sind omnipräsent, ihre musikalische Themensetzung ist geradezu Haupthandlung auf Im Argen. Die zurückhaltenden, trägen und teilweise doch dezent beschwingten Töne Radares eröffnen unweigerlich den atmosphärischen Kosmos von Twin Peaks, Blue Velvet oder Mulholland Drive.

Und doch: Radare kopieren nicht etwa. Sie wälzen die Tragik, Ausweglosigkeit und Gefangenheit im Trübsal eines Lynch-Streifen aus, entschleunigen sie und versetzen sie doch wiederum auf eine neuartige Ebene. Da wirkt Das Einsame Grab des Detlef Sammer mit Sax, Rhodes Piano und Foot High Hat schon fast wie eine reine Jazznummer, würde sich nicht eine fiese mars-voltaeske Westerngitarre darunter mischen und den Song eine verstörendere Abzweigung nehmen lassen. Auch Burroughs bleibt langsam, jazzig, nebulös und wohltuend befremdlich. Es deutet den Ausbruch an, bleibt aber doch – wie eigentlich alle Songs auf Im Argen – gefangen, unvollendet, ausweglos. In dieser Hinsicht sind Radare erstaunlich konsequent. Nicht eine Sekunde versuchen sie gefällig zu sein, stattdessen wickeln sie z. B. ein Distress, samt – (man höre und staune) doch einer Art „Explosion“ – fast zehn Minuten um die Tanzstange der verlausten Bar, in der David Lynch seinen zehnten Scotch nimmt und sich in der hintersten Ecke zum Schlafen legt. Hm, da schauen wir doch lieber Filme… Oder eben nicht.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Das Einsame Grab des Detlef Sammer, Distress

(Martin Oswald)

Radare – Im Argen | Golden Antenna Records | VÖ: 25.09.15 | LP/CD/digital

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