Ithaca + Atlas | 30.05.06 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

Hervorgehoben

Ithaca

Ithaca

Rituelle Albernheiten werden in Mitteleuropa für gewöhnlich am Sonntag, dem Tag des Herrn in allen seinen wandelbaren Erscheinungen, vollzogen. Um den Wochentag scheinen sich Atlas nun eben nicht zu scheren als sie an jenem Montag mit irgendeinem grässlich stinkenden Zeug einräuchern. Die schlimmsten Assoziationen und Befürchtungen von Goa über esoterischen Psychorock durchzucken die noch nicht betäubten Nervenfasern. Bitte nicht!

Und nein, tatsächlich. Die mit der beweihräucherten Gottheit offenbar korrespondierenden Instrumente haben ein Erbarmen und servieren leidenschaftlichen, zum Theatralischen neigenden Post-Hardcore aus dem Ideenbaukasten La Disputes. Viele Tempi- und Stimmungswechsel, die sich nicht nur – aber auch – anhand der reichlich eingestreuten Spoken-Words-Passagen entlanghangeln. Nach allen anfänglichen Befürchtungen ist das alles überraschend gut.

Eine noch größere Überraschung sind Ithaca aus London. Wenngleich (und natürlich) nicht derart exzellent, so spielen sie doch nahe an Rolo Tomassis math-insipiertem Hardcore zuckende und fauchende Riffs, mit denen sie auch trotz der stimmlichen Schwere fast spielerisch eine dringliche Atmosphäre erschaffen, die sich aus Beklemmung und Wut jederzeit eine andächtige oder gewaltige Soundcollage baut. Dabei sind Ithaca weder überfordernd noch angestrengt beliebig, sondern stets auf den explosiven und kulminierenden Moment bedacht, der ihnen ein ums andere Mal glänzend gelingen will. Großartig.

Captain Planet – Ein Ende

Captain Planet - Ein Ende - Cover
Das Ende der Erwartungen

Es ist vermutlich kein Trend, aber zumindest doch eine relevante Option unserer Zeit geworden: Ein Album nahezu ohne Vorlauf zu veröffentlichen. Vielleicht ist es sogar so etwas ein Anti-Trend. Was mühen sich manche wochenlang ab mit groß angelegten Promo-Kampagnen, um eine Platte zu pushen, ein bestimmtes Publikum anzufixen, ein neues zu gewinnen, einen ganzen Stapel Reviews zu bekommen und selbst im allerhintersten Blog irgendwo im Internet noch ein Interview zu platzieren. Über Monate werden Social-Media-Accounts von Songwriting über Proben, von Aufnahmen über Postproduktion mit Schnipseln aus einer Albumentstehung bespielt, der Spannungsbogen und die Erwartungen damit (vermeintlich) hochgehalten.

Dass es eben auch anders geht, beweisen nicht zuletzt und wieder einmal Radiohead, die ohne auch nur irgendetwas Verlässliches zu kommunizieren sich gänzlich aus dem Internet zurückziehen, um dann kurzerhand zwei Videos und eine unmittelbar bevorstehende Albumveröffentlichung zu vermelden. Das ist alles in allem natürlich dennoch viel Brimborium, wir reden immerhin vom Weltmeister in der Anti-Vermaktungsinszenierung. Wie eine ähnliche Strategie jedoch ungleich bescheidener funktioniert, beweisen Captain Planet.

Nach einer sehr langen Sendepause verkündet die Band am 18.04.16 über Facebook: „Das hier ist ein Ende.“ Aha. Panik, Unverständnis, Rätsel, Hoffnung… Was ist das für eine Botschaft? Bereits am nächsten Tag lüftet die Band das Geheimnis. In nicht einmal drei Wochen kommt das neue Album mit dem Namen Ein Ende. Ein Video kommt in zwei Tagen. So viel dazu.

Nun ist das Album also da und muss den Erwartungen, die Captain Planet in kürzester Zeit von null auf hundert katapultiert haben, standhalten. Das sind eben auch Erwartungen, die sich die wahrscheinlich spannendste deutschsprachige Emopunkband über Jahre und bis dato drei hervorragende Platten erspielt hat. Mit Ein Ende muss sich die Band erneut beweisen und – das war ebenfalls zu erwarten – sie schafft dies bedingungslos.

Viel Experimente muss man bei Captain Planet sowieso nicht erwarten, zu festgelegt ist der Bandsound, wenngleich er diesmal weniger schrammelig, dafür deutlich klarer und differenzierter daherkommt als beispielsweise noch auf Treibeis. Doch das angestrengte Wehklagen Jan Arne von Twisterns, das sich von Anfang bis (haha) Ende durchzieht, ist ebenso unverkennbar wie der unbedingte Sinn Captain Planets für eingängige Melodien irgendwo zwischen Posthardcore und Poppunk mit meist aufregend inszenierten Refrains.

Ein Ende gönnt sich daher kaum eine Atempause und peitscht auf einem erstaunlich hohen Niveau in nicht einmal einer halben Stunde durch Lyrik, die zu kunstvoll für den Alltag und zu alltäglich für Kunst ist. Wie so oft bei Captain Planet brauchen die Songtitel keinen bedeutungsschwangeren Aufwand, sondern heißen schlicht und banal Kreisel, Irgendwas, Kette oder Landung und geben den Songs das karge thematische Grundgerüst. Es geht um Begegnungen, Beziehungen, Nähe, Ferne, die Kälte und Wärme in uns und Ausflüchte und Fluchten aus dem und in den Alltag.

Im Urteil oft hoffnungslos „Wir alle sind gescheitert“ (Tulpenfarm) weicht doch die Hoffnung auf ein gutes Ende nicht. Denn auch am Ende geht es weiter, irgendwie. Ein Ende ist nie nur ein Ende, sondern auch ein Anfang. Dass dies bei Cptain Planet keine alberne Floskel ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie ihren bis dato besten Song Vom Ende An eben an den Schluss setzen. Ein Ende ist großartig und sicherlich noch lange nicht das Ende. Das Ende der Erwartungen am allerwenigsten.

8/10

Captain Planet – Ein Ende | Zeitstrafe | VÖ: 06.05.16 | LP/CD/digital

Joasihno | 20.04.16 | Ostentor (Regensburg)

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Für das erste Konzert im neuen Ostentor (also im alten Ostentorkino unter neuer Leitung) sollte etwas Besonderes her. So scheint es zumindest, denn mit Joasihno kam nicht einfach nur eine gewöhnliche Band, sondern ein ganzes Ensemble. Ein Ensemble bestehend aus zwei Menschen und zahlreichen Instrumenten, Gerätschaften und Robotern. Cico Beck und Nico Sierig haben im Zuge einer kleinen Tour zur kommenden Platte Meshes ihre kleine Band auf ein neues Live-Level gehoben. Auf der eher nach Werkraum anmutenden Bühne gehen die beiden förmlich unter, so klein machen sie sich inmitten allerlei Rotoren, Schlag-, Tasten-, Blas- und Zupfinstrumenten. Rechner, die das alles zu einem Ganzen vernetzen, dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Was geht hier eigentlich vor sich? Das Konzert ist gewissermaßen eine dialektische Angelegenheit, weshalb gerade die wechselwirkenden Mechanismen zwischen Mensch und Maschine das eigentlich Interessante sind. Die Übersetzung digitaler Signale in mechanischen Wirkzusammenhang und die wiederum rückübersetzte analoge Bewegung ins Digitale, ist beindruckend. Denn geht der eigentliche Weg der Technisierung weg vom menschlich Unzulänglichen, weg von fehlerhaften und unpräzisen (in diesem Falle musikalischen) Bewegungen, so findet hier eine Umkehrung dessen statt. Die mit Kugelpendeln behangenen Rotoren beispielsweise übernehmen perkussive Aufgaben und schlagen auf ihrem Rundweg gegen Schlag- und Klimper- und Raschelinstrumente. Zumindest sollen sie es. Manchmal bleiben sie auch hängen oder beschleunigen zu schnell und verfehlen ihr Schlagziel. Von Perfektion sind sie weit entfernt und erweisen sich als größere Fehlerquelle als die menschliche Hand, die eine Schlagbewegung auch nie auf ganz exakt die gleiche Weise ausführen kann. Diese Fehler sind natürlich kalkuliert und erwartbar und bergen in sich unvorhergesehene Momente, die den perfektionistischen Anspruch an Technisierung obsolet machen.

Haben Cico und Nico diese Gerätschaften im Griff? Ja und nein, so scheint es. Sie geben die Impulse, programmieren und steuern zielgerichtet ihre Apparaturen, verharren aber dennoch in devoter, ja geradezu religiös ergebener Haltung vor diesem Sammelsurium aus selbst- und fremdgebasteltem Technikzeug und man ahnt, dass auch sie ahnen, dass nur ein fehlerhaft gestecktes Kabel, ein abgestürzter Rechner, eine verschlissene Hydraulikpumpe und dergleichen von einer Sekunde auf die andere alles ändern können. Gleichermaßen beherrschen Joasihno ihre Maschinen wie sie von ihnen beherrscht werden. Eine mächtige und ohnmächtige Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Maschine.

Die Musik von Joasihno gerät dabei fast schon in den Hintergrund bzw. wird eher zum Soundtrack für den vorne inszenierten Bastelworkshop. Das ist aber eigentlich nicht allzu schlimm, krankt sie, ganz in Tradition von New Weird Bavaria, daran dem Indiepop zu viel Geflicker, Gestöber und soundwandlerischen Schnickschnack zuzumuten, den dieser nicht imstande ist umfassend aufzunehmen. Hauptsache die Bühne ist mit allerlei knarzendem und blinkenden Krempel vollgestellt – das wichitgste Erkennungsmerkmal von New Weird Bavaria.

Der ästhetische Eindruck lässt sich dann auch eher mit einem „boah krass“ als mit einem „schön“ beschreiben. Nicht die schlechteste Wertung, aber nun ja: Als sich dann das kleine, reduzierte und hauptsächlich akustisch dargebotene Abschlussstück als das beste des gesamten Abends erweist, fragt man sich insgeheim schon etwas erstaunt, was dieser ganze Aufwand vorher überhaupt sollte.

Better Call Janele!

Machen Sie sich auch Sorgen um ihre und andere, also konkret unsere Frauen (und Mütter, Töchter, Väter, Familien, Senioren und Seniorinnen, Kinder und Jugendliche)? Rufen sie Janele an! Ihren Stadtrat für alles und irgendwas.

Machen Sie sich auch Sorgen um ihre und andere, also konkret unsere Frauen (und Mütter, Töchter, Väter, Familien, Senioren und Seniorinnen, Kinder und Jugendliche)? Rufen sie Janele an! Ihren Stadtrat für alles und irgendwas.

Politik ist ein hartes Geschäft, zumal die Kommunalpolitik. Niemandem kann man es recht machen. Niemals. Das hier ist zu teuer, das dort zu billig, die eine Idee ist uralt, die andere viel zu extravagant, macht man etwas für Kinder, vernachlässigt man die Senioren, baut man eine Straße, schimpfen die Ökos, baut man keine Straße, schimpfen alle anderen, trinkt man nicht auf jeder Veranstaltung drei Maß Bier, ist man abgehoben, lässt man hingegen keine Runde an keinem Stammtisch aus, ist man in der CSU. Es ist ein Jammer.

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Dabei gibt es in der Kommunalpolitik eine wirkungsvolle Patentlösung für alles. Das eherne Gesetz der Kommunalpolitik: Bürgernähe. Dank Bürgernähe muss man nämlich gar nicht mehr Politik machen, sondern nur so tun als ob. Es reicht Politik zu simulieren.

Ein Hundehaufen kann eine Chance sein

Das Trio fotogenico, Dagmar Schmidl, Hans Renter und Armin Gugau z. B. hat das ganz gut verstanden. Seit Jahren tingeln die Drei von Gullideckel zu Straßenlaterne, vom Verkehrsschild zum Mülleimer, von der Kreuzung zum Feldweg und wieder zurück und lassen sich dabei ablichten was das Zeug hält. Es gibt in Regensburg keinen Hundehaufen vor dem sie nicht schon posiert hätten.

Das Trio fotogenico in Aktion, sogar mit Burger-Meister. Foto: pm

Das Trio fotogenico (Bildmitte) in Aktion, sogar mit Burger-Meister. Foto: pm

Ach, Sie haben ein Schlagloch vor der Einfahrt oder einen Maulwurfshügel im Garten? Zögern Sie nicht zum Hörer zu greifen, Schmidl, Renter und Gugau kommen sofort, stellen sich davor und machen ein Foto. Denn die kümmern sich noch, die packen richtig an!

Ja, das ist schon nicht schlecht, aber einer, der den Dreh mit der Bürgernähe endgültig raus hat, ist Christian Janele. Der einzige christlich-soziale Bürger (CSB) im Regensburger Stadtrat und „liebevolle Vater zweier Töchter“ hat Bürgernähe quasi durchgespielt. Jede seiner (na ja, sagen wir mal politischen) Aktivitäten und Mitteilungen ist ein eindrucksvolles Zeugnis von Bürgernähe. Das verdient eine Würdigung.

Lady-Taxis für jedermann

Wichtig gerade für "Frauen und junge Frauen": pinke Lady-Taxis. Foto: CSB/ Janele

Wichtig gerade für „Frauen, Kinder und junge Frauen“: pinke Lady-Taxis. Foto: CSB/ Janele

Im vergangenen Herbst machte Janele von sich reden als er eine „Sicherheitsoffensive“ forderte und dabei Bilder von Bussen und Taxen pink anstrich. Seine Vorschläge „Lady-Taxis“ und Lady-Zonen in Bussen schafften es selbst in bundesweite Medien. Die BILD machte ihn gar zum Verlierer des Tages. Eine Unverschämtheit! Denn was nämlich allenthalben übersehen wurde: Janele gelang mit seiner Initiative ein Meisterstück in Sachen Bürgernähe. Er schrieb damals:

„Das Sicherheitsbedürfnis gerade bei Familien, Senioren, Müttern und Vätern, ist mittlerweile stetig gewachsen. Vor allem die Väter machen sich Sorgen um Ihre Töchter und Frauen, wenn die bei Dunkelheit unterwegs sind.“

Herrje, die armen Väter! Woher Janele aber um das gestiegene Sicherheitsbedürfnis weiß? Gibt es dazu Untersuchungen, Statistiken, Umfragen? Ach wo, auf verschiedenen Informationsveranstaltungen werden diese Ängste formuliert, so Janele. Ach so, dann wird’s schon so sein, wenn der das sagt. Aber Achtung, es geht weiter:

„Gerade Frauen, Kinder und junge Frauen sollen beruhigt sein, weil Sie dann wissen, Sie kommen sicher (Zuhause) an. Viele Frauen, Senioren oder Jugendliche fühlen sich in öffentlichen Verkehrmitteln (sic!) unsicher, und können in Frauen-Taxis zu einem ermäßigtem (sic!) Preis nachhause fahren.“

Ungerecht: Die Bildzeitung kürte Christian Janele zum Verlierer des Tages.

Ungerecht: Die Bildzeitung kürte Christian Janele zum Verlierer des Tages.

Moment mal, ging es nicht eben noch um Ladies? Nun geht’s also auch um Senioren, Kinder und Jugendliche. Der Janele ist schon ein Fuchs. Denn ginge es nur um Frauen, würden ihn demnächst Kinder und Senioren auf Informationsveranstaltungen anquatschen, was denn mit ihnen sei. Warum sollten auch Lady-Zonen nur für Ladies und nicht etwa auch für Kinder und Senioren sein? Eben. Das ist gelebte Bürgernähe. Irgendetwas ist irgendwie für alle dabei. Niemand soll sich vernachlässigt fühlen. Außer ich. Als kinderlos alternder junger Mann mit osteuropäischem Migrationshintergrund habe ich beim Janele einen ganz schlechten Stand.

Wobei:

„DIE FRAUENTAXIS […] KÖNNEN AUCH VON MÄNNERN GESTEUERT WERDEN.“

Puh, Glück gehabt. Der Janele hat’s einfach verstanden. Das Politische nervt eigentlich nur und lenkt die Politik vom wirklich Wichtigen ab: Dem Gefühl.

Warum nicht gleich die ganze Stadt nach dem Papst benennen?

Dies zeigt sich auch im neuesten, ebenfalls Aufsehen erregenden Vorstoß des christlich-sozialen Bürgers. Janele möchte einen Stadtratsbeschluss erwirken den Domplatz in „Papst Benedikt XVI. Platz“ zu benennen. Seine Begründung ist, dass die von der CSU seit Jahren wiedergekaute und nun auch städtisch anvisierte Huldigungsbüste für den Stellvertreter Gottes auf Erden a.D. unwürdig sei und Joseph Ratzinger nicht gerecht werde.

Aber mal ernsthaft: Was soll schon jemandem gerecht werden, der vom Heiligen Geist höchstpersönlich ins unfehlbare Amt gehievt wurde? Eine Büste? Ein Platz? Also bitte, wie unwürdig. Warum denn nicht gleich die ganze Stadt nach ihm benennen? Papst-Benedikt-XVI-Stadt. Das wäre zumindest ein Anfang hier auf Erden.

Sie, liebe Papst-Benedikt-XVI-Städterinnen und Papst-Benedikt-XVI-Städter, merken es schon: Jede Ratzinger-Huldigung ist eigentlich eine zu wenig und diese kommunalpolitischen Gamer hören damit auch nicht auf, bis an mindestens jeder Ecke ein modellierter Papstschädel steht. Das alles ist Symbolpolitik, die sich des Politischen gänzlich entledigt hat und nur als leere Symbol-Hülle im kommunalpolitischen Diskurs herumwabert. In Wahrheit geht es überhaupt nicht um Ratzinger, ein würdiges Gedenken, die Sicherheit von Ladies, Geld und dergleichen mehr. Es geht auch nicht um die CSU oder die CSB. Es geht um eine inszenierte hohle Phrase: Bürgernähe.

Bürgernähe? Fragen Sie Herrn Janele!

Und wie spielt man eigentlich Bürgernähe?

"Am besten im Storchengang das Becken abschreiten." Janele macht's! Foto: CSB

„Am besten im Storchengang das Becken abschreiten.“ Janele macht’s! Foto: CSB

Sprechen Sie immer, aber auch wirklich immer über ihre Familie, wie toll das alles ist, welch liebevolle(r) und fürsorgliche(r) Vater (oder Mutter) Sie sind, denn Kinder zu haben, qualifiziert Sie gefühlt für alles; halten Sie immer den Ehering sichtbar in die Kamera, wenn Sie beim fachkundigen Besichtigen eines Schlaglochs fotografiert werden.

Betonen Sie nachdrücklich, dass alle Sorgen und Ängste (vor allem die der Väter!) berechtigt sind und Sie sie absolut nachvollziehen können und zünden Sie dabei Nebelkerzen à la „Keine Asylunterkunft neben einem Jugendzentrum“ (wegen Ängsten und so); nennen Sie das Jugendzentrum „Jugend- und Familienzentrum“, weil Familie einfach über alles geht.

Helfen Sie Straßenkindern, verkaufen Sie Lose. Gehen Sie Wassertreten. Kennzeichnen Sie Familienausflüge als diplomatische Delegationsfahrten der Völkerverständigung zum Wohle Europas. Spielen sie Politik und engagieren Sie Christian Janele. Niemand zockt das Game Bürgernähe so gut wie er.

Die Wurstkorbisierung politischer Kommunikation

Bei der Bürgernähe geht es um simulierte Politik mithilfe des Unpolitischen, um die Wurstkorbisierung politischer Kommunikation, die Transformation der Demokratie zum Zirkus. Die vor sich hergetragene Bürgernähe ist nichts anderes als sinnentleerte postpolitische Karikatur politischer Auseinandersetzung, die ihren eigentlichen Gegenstand einzig im Gefühl sieht. Es geht nicht darum etwas politisch Bedeutendes zu erschaffen oder zumindest zu diskutieren, sondern lediglich das Gefühl zu erzeugen und zu bedienen, etwas politisch Bedeutendes werde erschaffen oder zumindest diskutiert. Um mehr geht es nicht.

Dieser Beitrag wurde zuerst bei Regensburg-Digital veröffentlicht.

Cedron + Surhysa | 18.04.16 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

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Cedron

Ja, es war schon gewagt von Dasgutekonzert an einem Montagabend dieses Konzert zu veranstalten, zumal in der Mälze. Cedron sind im Modern Hardcore keine allzu große und bekannte Referenz und weit davon entfernt live ein Selbstläufer zu sein. Und das Publikum wäre vermutlich äußerst überschaubar geblieben, hätte sich der Support nicht als Glücksgriff erwiesen. Die Regensburger Surhysa aus dem Umfeld des Moloch Kollektivs dürften für die meisten im Publikum Haupterscheinungsgrund gewesen sein. Hier hat sich die eigentliche Supportaufgabe einer lokalen Bands wahrlich ausgezahlt.

Und nicht nur das. Surhysa, die erst am Samstag zuvor online ihre erste EP namens Eskapismus veröffentlicht haben, spielen sich zwar nicht immer filigran durch ihren screamo-lastigen Post-Hardcore und die dezent gesetzten Postrockpassagen, stets aber souverän und zielsicher. Etwas weniger Scheu und mehr Präsenz könnten der zweifellosen musikalischen Güte und ihrem Impetus in Richtung Leidenschaft durchaus mehr Nachdruck verleihen.

Cedron, die gerade mit ihrem aktuellen Album Valence durch Europa touren, muss man um Präsenz nicht bitten. Der Vierer aus Söderhamn in Schweden legt sich körperlich mächtig ins Zeug, was nicht nur Aushilfsdrummer Olle (Disembarked) offensichtlich dazu verhilft seine angestauten Aggressionsprobleme zu lockern, sondern Cedrons modernen Hardcore, der sich samt Breakdowns und emotionaler Dringlichkeit stellenweise auch ganz klassisch zu verorten weiß, blendend entgegenkommt. Sänger Anton verschmäht es fast schon auf der Bühne zu stehen und sucht, beispielhaft bei Lost Woods mit ausführlichen Sinalongs („This is my darkest day / My hands are cold and nothing remain [sic!]“), aber gerade auch zwischen den Songs die Nähe zum Publikum. Dass er bei Ansprachen überwiegend aufs Mikrofon verzichtet, kommt dieser Nähe zwar sehr zugute, liegt aber eigentlich an technischen Unzulänglichkeiten. Ohne fiese Rückkopplungen geht bei seinem Mikro im Ruhezustand nichts. Statt sich davon aber irritieren zu lassen, wissen Cedron dies geschickt und humorvoll in die Show zu integrieren, ohne dabei ihre Intensität aufs Spiel zu setzen. Eine große Stärke und mitunter Grund für ein überaus gelungenes Konzert.

Matze Rossi + Harry Gump | 11.04.16 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

Matze Rossi

Matze Rossi

Matze Rossi kam auf seiner ausgedehnten Tour zum aktuellen Album Ich Fange Feuer auch in Regensburg vorbei. Nach der letztjährigen Vorstellung von Und Jetzt Licht, Bitte!!! nun zum zweiten Mal solo im Mälze-Keller. Letzterer ist auch bereits zum allzu pünktlichen Beginn von Support Harry Gump gut gefüllt. Leider nicht unbedingt mit dem angenehmsten Publikum, zumal Harry Gump über weite Strecken seines ca. halbstündigen Sets unter zahlreichen und lautstarken Saalgesprächen kaum zu verstehen ist. Nun ist es freilich Leuten selbst überlassen, ob sie ihren privaten Kram zwingend während eines Akustikkonzerts (für das sie ja immerhin auch irgendwie Eintritt gezahlt haben) klären, warum sie dies ausgerechnet mitten in der Venue zelebrieren müssen, ist dann wohl eine Frage des Anstands, des Respekts und der Wertschätzung den auftretenden Musikern und anderen Gästen gegenüber. Manchen fehlen diese offensichtlich völlig.

Nun ja, Harry Gump jedenfalls lässt sich davon nicht sehr beeindrucken (stören scheint es ihn dennoch) und versucht tapfer gegen die Saallautstärke und das teilweise gnadenlose Desinteresse anzuspielen. Das gelingt, aber eben nur mit Abstrichen. Die Beherztheit und Leidenschaft sowie manche Textzeilen seiner folkigen Punksongs muss man sich eher dazu denken.

Hätte man anfangs noch meinen können, dass die Unaufmerksamkeit und störende Missachtung durch einige Leute traditionell doch eher dem Support gilt, so wurde man eines Besseren belehrt. Eine Belehrung fand sich jedoch auch im Umgang Matze Rossis damit. Ob das nun die sozialpädagogische Ausbildung oder das Vierteljahrhundert Bühnenerfahrung ist – oder vielleicht auch beides: Matze Rossi weiß die unangenehme Situation meisterhaft zu lösen und begibt sich nach einigen Songs auf den Bühnenrand und verzichtet auf Mikrofon und die Gesangsanlage. Der akustischen Gitarre gönnt er lediglich ein bisschen Verstärkung. Und siehe da, das pädagogische Spiel „wenn ihr zu laut seid, mach‘ ich einfach leiser“ funktioniert. Das ist einfallsreich, mutig und charmant, wenngleich auch schade, weil einem Wohnzimmerkonzert ohne Wohnzimmer eben doch das Wohnzimmer fehlt.

Beginnend mit Analog Am Stück spielt sich Matze Rossi mit großer Freude durch seine mittlerweile fünf Alben und zwei EPs und entscheidet – wie gewohnt ohne Setlist – aus dem Bauch heraus welcher Song als nächstes am besten passt. Seine gesamte Diskografie hat er dabei dennoch im Auge und aufgrund des aus pädagogischen Gründen unverstärkten Settings, kommt das eher den ruhigeren und reduzierteren Nummern zugute. Wie wenige andere beherrscht es Matze Rossi sich von der Interaktion mit dem Publikum, von spontanen und assoziativen Eindrücken treiben zu lassen, sein Set und seine Anekdoten danach auszurichten und dabei – und das ist in diesem Fall tatsächlich keine leere Floskel aus der Review-Mottenkiste – jeden Abend einmalig und einzigartig zu gestalten. Wie gewohnt: Großes Kino!

 

Matze Rossi – Ich Fange Feuer

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Alles wird gut. Oder eben nicht.

Es läuft für Matze Rossi. Sein nunmehr fünftes Album Ich Fange Feuer erscheint im bisher größten Rahmen. Die Veröffentlichung beim Boysetsfire-Label End Hits Records wird mit umfangreichen Specials, Promo-Features, so auch einem Auftritt in der Pro7-Sendung Circus Halligalli und einer ausgiebigen (von GHvC gebuchten) Tour begleitet. Viel hat er dabei einem weit verzweigten Freundschafts- und Fannetzwerk, vor allem aber seiner Ausdauer, Beharrlichkeit, Leidenschaft und Freude an Musik zu verdanken. In letzterer Beziehung ist Matze die ehrlichste Haut, die man sich vorstellen kann und scheint damit mittlerweile auch angekommen zu sein. Zum ersten Mal ist er etwas mehr als reiner Hobby-Musiker.

Und auch wenn das Setting hervorragend passt, so zählt in der Hauptsache doch die Musik, die Ich Fange Feuer natürlich wieder in gewohnte Gefilde befördert. Matzes rau-sanfte Stimme dominiert die überwiegend mit der Akustischen inszenierte Songs, die sich wie so oft um Themen wie Freundschaft, Liebe, Musik, Leben und Tod drehen und bei denen es zu müßig wäre nachzuzählen, wie häufig diese Begriffe tatsächlich fallen. Zu oft jedenfalls. Die Grundstimmung ist, wie auch schon beim Vorgänger Und Jetzt Licht, Bitte!!!, ausschließlich positiv und gibt sich überaus intim. Diesmal wagt sich Matze Rossi jedoch wieder aus seinem Keller heraus und gestaltet die Songs wieder größer und imposanter. Das zeigt sich insbesondere an der aufwendigeren Produktion und den zahlreicheren Begleitinstrumenten, die wieder deutlich mehr Bandimpetus in sich tragen.

Ich Fange Feuer ist wieder einmal nett und gelegentlich schön anzuhören, bleibt aber meilenweit unter den Möglichkeiten Matze Rossis zurück. Das ist ärgerlich. Die inhaltliche Verengung auf die immer gleichen Themen macht die ganze Platte über einige Strecken langweilig und insgesamt harmlos. Hier straft sie nicht nur den alten Tagtraum-Song Balsam Lügen („Denn ich bin alles andere als hilflos oder harmlos“), sondern lässt gelegentlich die Frage aufkommen, ob das hier noch Matze und nicht bereits Semino Rossi ist. Jemand, der sich in einer derart grausamen Welt, wie wir sie derzeit vorfinden, dermaßen auf die persönliche Glücksfindung, das eigene Seelenheil und (Achtung!) das „Karma“ beschränkt, hat leider nicht viel zu sagen und wäre zuweilen im Schlager besser aufgehoben. Hoffnung weicht hier einem blinden und naiven Optimismus.

Das alles heißt jedoch nicht, dass Ich Fange Feuer nicht auch seine gelungenen Momente hätte. Der Spannungsbogen in Das Vertraute Kribbeln In Meinen Händen, der sich schön im etwas unbedarften „Alles wird gut“ entlädt oder Kein Zweifeln Und Bedauern, das neben leidigen Ohohohos einen hinreißenden Schwung bietet, zum Beispiel. Wenn sich am Ende Zieh Meine Träume Nicht Durch Den Dreck fast orchestral auftürmt, wird klar, dass Matze Rossi durchaus die Experimentierfreude besitzt, die sich musikalisch eben nicht in der Akustikgitarre erschöpft.

Insgesamt wird aber auch klar, dass hier wieder einmal wesentlich mehr drin gewesen wäre und Matze Rossi seine Genialität als Songwriter nicht annähernd ausschöpft. Die kitschig-esoterische Positivität, die weit entfernt von der fragilen und poetischen Schönheit eines solo(w) boy, so-low ist oder die schlageresken Refrains, die eine ganze Ecke den herzhaften Indie-Popsongs der unvollendeten digitalen EP-Trilogie (hier und hier) nachstehen, stehen dafür symptomatisch. Ob bei Matze Rossi wirklich alles wieder gut wird? Na ja, wollen wir’s hoffen.

4,5/10

Matze Rossi – Ich Fange Feuer | End Hits Records | VÖ: 18.03.16 | LP/CD/digital

EP: Vizediktator | anorak. | Suetterlin | Minipax

Vizediktator_Rausch_CoverVizediktator – Rausch

Viele würden sich mit dem zweiten Platz sicherlich nicht zufrieden geben. Vizediktator schon. Zumindest dem Namen nach. Wo sich andere gerne an erster Position sehen würden, machen sie es sich in Lauerstellung bequem und vertreten den Diktator, wenn dieser sich mal ein bisschen Urlaub gönnt. Ziemlich bescheiden, könnte man meinen, gäbe es da nicht die Musik. Da geben sich Vizediktator alles andere als bescheiden. Mit großen Gesten, ja fast schon schlageresk, zelebrieren sie melodisch-fetzigen, aber doch bitterernsten Punkrock. Bei Bülowstraße haben sie sich die Catchiness von Matze Rossi geliehen (Geist) und zeigen sich auch sonst eher weniger innovativ. Doch macht das überhaupt nichts, weil Rausch nicht nur durch die herausragende Produktion ein überaus charmanter Abgesang auf den urbanen Alltag ist. Dass mit Dessau auch ein allzu unverdaulicher und fieser Klotz auf der EP gelandet ist, macht die Sache nur noch besser.

[Sportklub Rotter Damm | VÖ: 19.02.16]

 

2016_02_EP-Cover_SPOTIFY_kleinanorak. – Kalter Frieden

Anorak. aus Köln legen offenbar viel Wert auf Style. Nicht nur, dass sie ihren Namen in Eigenschreibweise mit einem Punkt versehen, nein, sie schreiben jenen auch noch kopfüber gespiegelt. Verrückt und ziemlich hip. Kalter Frieden heißt die lediglich zwei Songs umfassende erste EP und präsentiert etwas fransigen (Indie-)Posthardcore, der sich durch zahlreiche Tempi- und Stimmungswechsel alle Mühe gibt, nicht langweilig zu wirken, dabei aber mit seinem viel zu seichten und penetranten Geschrei genau dazu tendiert. Überhaupt scheinen anorak. die Wirkung und Rezeption ihrer Band mehr im Auge zu haben als die Musik selbst. Ein kalkuliertes Verlangen nach Gewogenheit, zu der die EP allerdings nur halbwegs Anlass gibt. Ein netter Versuch, der letztlich zu blass und ausdruckslos bleibt.

[Uncle M | VÖ: 19.02.16]

 

SUETTERLIN_EP_Cover_bigSuetterlin – s/t

Sebastian Wahle und Daniel Senzek begnügen sich damit ein Duo zu sein. Für eine ganze Band zu wenig, aber warum eigentlich nicht? Schließlich gelingt ihnen mit ihrer ersten EP die Mosaiksteinchen des deutschsprachigen Indie-Pop aufzulesen und gekonnt zusammenzufügen. Herrenmagazin, PeterLicht oder – natürlich – ClickClickDecker sind hier keinen Katzenwurf entfernt. Akzente setzen Suetterlin vor allem mit klaren und leichten (nicht immer unfallfrei vorgetragenen) Gesangsmelodien, dezenten, aber prägenden Keyboard- und Glockenspieleinsätzen und einem ausgeprägten Sinn für rundum gut funktionierende Popsongs. Gerade letzteres zeigt sich in besonderer Weise in Das Weite Suchen. Fein.

[Midsummer Records | VÖ: 05.02.16]

 

Minipax_Cover_quadratischMinipax – 1984

1984 sangen Vorkriegsjugend auf ihrer einzigen selbstbetitelten LP: „Der Weg ist schon bereit / Für eine neue Zeit / Leben in Glas und Beton / Leben in der Isolation /Alle Daten registriert / Bei Nichtgefallen ausradiert“ (Der Sarg). Da konnten sie sich eigentlich keinen Begriff davon machen was Datenregistrierung im Jahr 2016 – in dieser neuen Zeit also – bedeuten könnte. Auf welch vielfältige Weise Datensammlung, -auswertung und -kontrolle Einfluss auf das menschliche Verhalten haben sollte und würde. 2016 ist also noch weitaus mehr als 1984 das orwellsche Jahr der Vorkriegsjugend. Das scheinen auch Minipax ähnlich zu sehen und schaffen sich als Band mit ihrer ersten EP einen Orwell-Mikrokosmos. Weil ihnen die Zukunft jedoch nicht hoffnungslos erscheint, geht es auf 1984 auch nicht gerade dystopisch zu. Das hier ist eben nicht die Vorkriegsjugend. Minipax verorten sich eher auf der Popseite des Deutschpunk und erinnern in den besseren Momenten an Rasta Knast (z. B. die Gitarrenarbeit bei Mundtot und Dann Geh – wie übrigens auch schon auf der Amdamdes-Vorgängerversion) und in den schlechteren an die Killerpilze (Jebes Nacije). Dabei sind sie textlich zuweilen zwar allzu plakativ unterwegs, bestechen aber durch eine vorzügliche Produktion und mit so ziemlich den schmissigsten Refrains, die 2016 in der deutschsprachigen Punkmusik bisher zu bieten hatte. Und: Zum Glück ist ein gottverdammter Hit. Gutes Ding!

[SubZine Records / Uncle M | VÖ: 26.02.16]

Turbostaat – Abalonia

Turbostaat - AbaloniaParadox? Nein, Turbostaat!

Seit Turbostaat begonnen haben ihre kommende Platte zu bewerben, wurde alles trüb, wacklig, schemenhaft, neblig, trist und grau. Homepage, Bilder, Teaser, Videos – alles. Keine Farbtupfer, die einst die Optik dominierten (Flamingo und Schwan) und auch keine rohe Klarheit wie zuletzt bei Stadt der Angst. Der Blick ist verschwommen bei Abalonia und der gleichnamige fremde Ort Ungewissheit, Verheißung und Enttäuschung zugleich.

Turbostaat inszenieren mit Abalonia ein neues Kapitel im mittlerweile 17 Bandjahr, das kompakter, durchdachter und narrativer ist als alle Alben zuvor. Dabei ist die Platte kein Neuanfang oder dergleichen, es ist vielmehr die Fortsetzung einer Band, die keine Rituale der Veränderung braucht, um sich zu verändern, die keine Stilwechsel braucht, um sich stilistisch zu öffnen, die keine anderen Wege gehen muss, um neue Wege zu beschreiten. Das ist nicht paradox, sondern das Wesen Turbostaats.

Dieses scheinbar paradoxe Wesen zeigt sich nun eben auf erneut eindrucksvolle Weise auf Abalonia. Einer Art Konzeptalbum, das kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne ist und auch gar nicht sein will. Es ist eine (lose) zusammenhängende Geschichte von der weitgehend unbestimmten Semona, die sich auf den Weg ins ebenso unbestimmte Abalonia begibt. Ihren Weg säumen dabei allerlei Gestalten, die sich ebenfalls nur selten ins Konkrete und Handfeste wagen, sondern abstrakt und angedeutet, ja schemenhaft bleiben. Rupert und Der Zeuge, Der Wels, Die Arschgesichter, der Ornithologe Wolter, der bedrohliche Eisenmann, der Totmannkopf, Die Toten und das Geistschwein. Turbostaat sprechen in Bildern, arbeiten mit Assoziationen und verweben diese mit trivialen und unscheinbar alltäglichen Begebenheiten. Das ist nichts Neues bei ihnen, aber selten war es derart sehnsuchtsvoll.

In Sachen Musik gibt sich Abalonia deutlich zurückgelehnter als etwa Stadt der Angst, erinnert aber hier und da sehr an Das Island Manöver, das den Punk ebenfalls schon weit interpretiert hat. Freilich ohne sich nun mit einzelnen Songs wie Fraukes Ende oder Pennen bei Glufke besonders auffallend hervorzutun. Das Album fließt in seinem ganz eigenen Rhythmus dahin und verdichtet den Fluss eher in atmosphärischer Hinsicht. Wahre Hits sind hierfür nicht nötig. Es reicht stattdessen, wenn Jan Windmeier eindringlich fragt: „Ist das Quatsch / Oder ist das Euer Ernst?“ (Der Wels) oder sich Wolter zum großen Chor emporhebt: „Die Namenlosen singen für Dich / Ein Lied voller Trauer und Zorn / Die letzte Bindung ist nur dieser Damm / Der Sturm reißt ihn bald schon davon“. Auch, wenn das sonst eher schmucklose Eisenmann kurzzeitig zum Refrain bittet, ist das großartig. Ebenso der Titelsong, der nicht nur namentlich über allem schwebt.

Abalonia wird einem Album einer der besten deutschsprachigen Punkbands vollkommen gerecht, auch wenn es gegen den Vorgänger ingesamt den Kürzeren zieht. Aber wohin auch Turbostaat in Zukunft gehen werden, man wird ihnen voller Überzeugung folgen. Bedingungslos.

8/10

Turbostaat – Abalonia | Pias | VÖ: 05.02.16 | LP/CD/digital

The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die + mewithoutYou | 27.01.16 | Feierwerk – Kranhalle (München)

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The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die

Es scheint sich nicht in allen Ecken Münchens herumgesprochen zu haben, dass mit The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die und mewithoutYou so ziemlich das spannendste Line-up, welches der Emo-Irgendwas-Core derzeit zu bieten hat, im Feierwerk anzutreffen ist. Vielleicht ist es vielen auch einfach egal. München halt. Jedenfalls: Leer war es natürlich nicht in der Kranhalle, das wäre ein allzu verzerrtes Bild, man stand sich aber auch nicht gerade auf den Füßen. Dass sich einige Gäste nach dem Change Over gar nicht mehr in die Halle bequemen, macht die Sache nicht besser. Da wäre deutlich mehr drin gewesen. Bei diesem Line-up! München halt.

An mewithoutYou, die im vergangenen Jahr ihr fabelhaftes sechstes Album, Pale Horses, veröffentlicht haben, liegt es zunächst gegen einen lückenhaft abgemischten Sound anzuspielen. Die in zwei Mikros vielseitig sprechende und singende Stimme Aaron Weiss’ ist eingangs nur unvollständig zu verstehen, was schade ist, zumal sie sich für das unnachahmliche Wesen der mewithoutYou-Songs in besonderer Weise verantwortlich zeichnet. Vielleicht liegt es aber auch gar nicht am Mischen, sondern eher an Weiss selbst, der sich zu Beginn am Boden räkelt als hätte er entsetzliche Rückenschmerzen und nur allzu verhalten in die Mikrofone haucht und nuschelt. Doch nach und nach nehmen mewithoutYou Fahrt auf und legen in die emotionale Dynamik ihrer Songs große Hingabe auf der Bühne. Weiss tummelt sich überall, dreht Pirouetten, spielt gelegentlich die Akustische und wechselt scheinbar wahllos seine beiden Mikros. Das ist überaus hör- und sehenswert.

Was für mewithoutYou gilt, gilt allemal für The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die. Die Band, deren Besetzungsumfang selbst eine handelsübliche Skaband schlägt, hat mit Harmlessness 2015 ebenfalls ein überragendes Album veröffentlicht. Das zweite erst, dem allerdings ein paar EPs vorangingen. Das achtköpfige Kollektiv um David Bello und die Shanholtzer-Dvoraks weiß seine Songs geradezu spielerisch auf die Bühne zu bringen. Vier (!) Gitarren werfen sich kleine beschwingte Melodien zu, um in den passenden Momenten auszubrechen und zu zeigen warum es besser ist von Emocore als einfach von Indie zu sprechen. Denn zwischen der Zerfahrenheit von Bellos verschleppt-klagendem Gesang und zuweilen ausgiebigen Jamsessions kommt doch immer wieder wohl dosierter Hardcore durch. Dabei wirken die Songs trotz dieser umfangreichen Besetzung nicht überinstrumentiert, sondern sind in all ihrem Facettenreichtum großartig. The World Is a Beautiful Place… sind nicht nur eine Bereicherung für jeden Plattenspieler, sie sind es auch für alle Bühnenbretter. Diese Band kann, ja muss man bedingungslos empfehlen. Hörst Du, München?